Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.09.2019


Schwaz

Fein Gewebtes und Gesticktes im Museum der Völker

Textiles aus mehr als tausend Jahren im Museum der Völker: Erzählt werden Sammlungs- und Mustergeschichten anhand von Fragmenten und perfekt erhaltenen Objekten.

Die zwischen dem siebten und dem 19. Jahrhundert im Raum von Marokko bis Indien entstandenen textilen Kostbarkeiten wurden aus zwölf Privatsammlungen zusammengeliehen.

© markus ocvirkDie zwischen dem siebten und dem 19. Jahrhundert im Raum von Marokko bis Indien entstandenen textilen Kostbarkeiten wurden aus zwölf Privatsammlungen zusammengeliehen.



Von Edith Schlocker

Schwaz – „Richtig guter Stoff“ heißt die über zwei Geschoße ausgebreitete neue Ausstellung im Schwazer Museum der Völker. Die erstmals, seit Lisa Noggler-Gürtler hier das Sagen hat, mit Helmut Eberhart extern kuratiert ist. Als ehemaligem Professor am Grazer Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie von einem ausgewiesenen Kenner der Materie, noch dazu, da das Sammeln von Textilien aus aller Welt auch seine große private Obsession ist.

Mit der Inszenierung der Schau hat Lisa Noggler-Gürtler auch diesmal StudentInnen am studio2 der Innsbrucker Architekturfakultät betraut, denen geschickt der Seiltanz gelungen ist, die Objekte so zu präsentieren, dass die Augenlust darüber hinwegtröstet, die kostbaren Stoffe nicht befühlen zu dürfen. Trost spenden diesbezüglich außerdem aufgelegte Musterbücher, mittels derer der Besucher spüren kann, wie sich Seiden, Wollen oder Samte in den unterschiedlichsten Qualitäten angreifen.

Die präsentierten Objekte wurden aus zwölf privaten Sammlungen zusammengeliehen. Entstanden sind sie zwischen dem sechsten und dem 19. Jahrhundert im Raum zwischen Marokko und dem zentralasiatischen Raum. Und das in den unterschiedlichsten Kontexten, was sich besonders schön anhand charakteristischer Muster nachvollziehen lässt. Ihre Wandlung vom Elitären zum Volkstümlichen, mit Goldfäden auf Samt und Seide mühsam Gesticktem bis hin zur im 19. Jahrhundert industriell hergestellten Massenware. Etwa beim Paisleymuster, das über Persien nach Indien gelangte, um schließlich von den Briten in großem Stil reproduziert zu werden.

Das älteste Stück der Schau ist eine in einer sehr speziellen Technik aus Wolle gemachte Haube, die zwischen dem vierten und siebten Jahrhundert in Ägypten entstanden sein dürfte. Daneben liegt in einer Vitrine ein um 1900 entstandener Schal, auf den in einem streng geometrischen Muster Abertausende kleine Metallplättchen appliziert wurden. Ein wunderschönes, wenn auch unglaublich schweres Stück, von dem man sich nur schwer vorstellen kann, dass es jemals getragen worden ist. Was auf viele der gezeigten Objekte zutrifft, die wohl eher Prestige- als Gebrauchsobjekte waren, heute lesbar als Spiegel sozialer Hierarchien genauso wie spiritueller Vorstellungen.

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Von den Meistern oder Meisterinnen, die diese Stickereien oder Webereien geschaffen haben, erfährt man in der Schau dagegen nichts. Waren sie doch keine Künstler oder Modeschöpfer im heutigen Sinn, sondern sie tradierten ein kollektives, von Generation zu Generation weitergegebenes, sich nur marginal wandelndes Wissen. Schade ist, dass in die Sammlungen sehr oft nur Fragmente gelangten. Weshalb einzelne komplett erhaltene Stücke umso erfreulicher sind. Neben wunderschönen griechischen „Inselstickereien“ kunstvoll bestickte osmanische Bade- und Handtücher oder die ausschließlich von albanischen Männern für ihre Frauen gemachten kreisrunden Kurzmäntel, schwarze für die Katholikinnen, goldene für die Musliminnen. Oder wunderschöne, in Zentralasien aus seidenen Ikatstoffen geschneiderte Mäntel.

An aufgestellten Webstühlen kann sich der Museumsbesucher jeden Alters selbst versuchen. Was die Ehrfurcht vor dem Präsentierten ins nahezu Unermessliche steigert.