Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.10.2019


Innsbruck

Ausstellung: Poetisch zerknitterte bunte Falter

Als wunderbarer Switcher zwischen Zwei- und Dreidimensionalem, Organischem und Anorganischem, Glattem und Zerknittertem präsentiert sich Michael Kienzer in der Innsbrucker Galerie Thoman.

Michael Kienzers „Falter“ (Mitte) neben seinem „Movement“ (links) und einer kleinen „Form“ in Alu.

© KienznerMichael Kienzers „Falter“ (Mitte) neben seinem „Movement“ (links) und einer kleinen „Form“ in Alu.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Die Materialien, aus denen Michael Kienzer seine Skulpturen und Bilder baut, findet er oft auf Schrottplätzen, in Baumärkten oder im Müll. Bevor er das an sich Banale in etwas höchst Artifizielles transformiert. Das an sich Harte in etwas, das fast weich daherkommt, an sich Organisches in Anorganisches, exakt definiert Glattes in poetisch Zerknittertes.

Dass der 57-jährige gebürtige Steirer ein Gironcoli-Schüler ist, würde man auf einen ersten Blick nie vermuten. So konträr sind ihre beiden Handschriften, so diametral anders ist Kienzers künstlerische Vision, um sich immer wieder spannend unaufgeregt neu zu erfinden.

Eindeutig ist in dieser Art von Kunst nichts, nichts so, wie es zu sein scheint. Wenn Kienzer etwa zwei transparente Folien in zweierlei Blaus übereinanderlegt, wodurch nicht nur ein subtiles Spiel mit in der Fläche ausgebreiteten Formen, sondern ein drittes Blau entsteht. In anderen „Bildern“ werden wiederum Streifen aus buntem Gummi und Lack genauso wie eine Aluminiumscheibe fast zu so etwas wie einer Zeichnung, nicht zuletzt deshalb, weil die klassisch gerahmte Assemblage durch einen real auf den Bildträger gemalten Pinselstrich aus der Dreidimensionalität heraus im Flächigen geerdet wird.

Auf den galeristischen Boden hat der Künstler drei hyperrealistische Alugüsse des Horns eines zufällig im Müll gefundenen Steppenrinds gelegt. Wobei allein schon durch die Tatsache, dass drei identische Abgüsse nebeneinanderliegen, beim Betrachter eine gewisse Irritation ausgelöst wird. Wird hier doch etwas Naturhaftes durch die Überführung in ein anderes Material auf eine komplett neue, übliche Sehgewohnheiten in Frage stellende Ebene gehievt.

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Ein Spiel mit dem Kunstpublikum, das Kienzer sehr mag und in diversen Facetten ausreizt. Wenn er etwa banale Hohlziegel aus Beton, indem er sie abgießt und formal arrangiert, zur Skulptur adelt, genauso wie Klumpen von Ton, deren Fingerabdrücke so tun, als hätte sie jemand gerade erst in ihnen hinterlassen.

In der Ambivalenz seiner Anmutung höchst reizvoll ist das aus einem perforierten Metallgitter, einem weißen Kunststofffächer sowie einem rot bemalten Foto kombinierte „Movement“. Ein poetisch zelebriertes Wandobjekt, das, indem es ebenso durchlässig wie dicht, hart wie weich, technoid kühl wie expressiv bunt ist, emotional eigenartig berührt. Am „Schrottplatz seines Vertrauens“ lässt der Künstler nach seinen Vorstellungen dagegen große Aluplatten deformieren, bevor er sie farbig monochrom lackiert und mittels zarter Gewindestangen zu raumgreifenden „Faltern“ montiert.