Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.10.2019


Exklusiv

Der letzte Ritter in New York: MET-Kurator Pierre Terjanian im Gespräch

Das Metropolitan Museum of Art in New York zeigt anlässlich des 500. Todestages von Kaiser Maximilian I. eine große Ausstellung über den letzten Ritter. Ein Gespräch mit MET-Kurator Pierre Terjanian.

Pferdeharnisch, den Maximilian I. König Heinrich VIII. schenkte. (1505, Royal Armouries Leeds)

© METPferdeharnisch, den Maximilian I. König Heinrich VIII. schenkte. (1505, Royal Armouries Leeds)



Innsbruck, New York — Das Metropolitan Museum of Art (MET) ist das größte Kunstmuseum der Vereinigten Staaten. Es besitzt eine der bedeutendsten kunsthistorischen Sammlungen der Welt. Am 7. Oktober wurde dort nun anlässlich des 500. Todestages von Kaiser Maximilian I. die Schau „The last Knight" eröffnet. Die TT hat mit Kurator Pierre Terjanian gesprochen.

Warum widmen Sie „dem letzten Ritter" eine eigene Ausstellung?

Pierre Terjanian: Diese Schau fokussiert nicht nur auf das Leben von Kaiser Maximilian I. Man kann anhand seiner Biografie das höfische Leben der beginnenden Neuzeit sowie die Kunst und die Politik in Mitteleuropa hervorragend nachvollziehen. Maximilian I. war ein Meister der Selbstinszenierung. Er liebte die Kunst und besaß großes politisches Geschick.

Feldrüstung (KHM Wien), im Hintergrund die Sandsteinreliefs vom Goldenen Dachl.
Feldrüstung (KHM Wien), im Hintergrund die Sandsteinreliefs vom Goldenen Dachl.
- MET

Wie schätzen Sie die Wissenslage Ihrer Besucher ein: Glauben Sie, dass Maximilian I. ihnen ein Begriff ist?

Pierre Terjanian: Jahrgang 1969, wuchs in Straßburg auf und studierte in Paris. Seit 2012 ist Terjanian Kurator im MET. Er leitet die Abteilung für Waffen und Rüstungen.
Pierre Terjanian: Jahrgang 1969, wuchs in Straßburg auf und studierte in Paris. Seit 2012 ist Terjanian Kurator im MET. Er leitet die Abteilung für Waffen und Rüstungen.
- Vladimir Weinstein/BFA.com

Terjanian: In Europa kennt man Maximilian I., aber in den USA ist er einem breiten Publikum wohl eher unbekannt. Die Besucher unseres Museums kommen aber aus der ganzen Welt, und unter ihnen gibt es auch ein informiertes Publikum. Aber Ritterrüstungen faszinieren Jung und Alt, auch ohne Vorwissen.

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Es ist die größte Leihausstellung europäischer Waffen und Rüstungen. Man könnte es auch unpopulär finden, einem so kriegsbesessenen Herrscher eine eigene Schau zu widmen. Wie sehen Sie diesen Sachverhalt?

Terjanian: Ich würde sagen, dass die Kriegsführung nur ein Aspekt im Leben von Maximilian I. war. Ich würde ihn deshalb nicht als kriegsbesessen bezeichnen. Vor dem zeitlichen Hintergrund würde ich sagen, dass er keine andere Wahl hatte. Viele Rüstungen, die wir in der Schau zeigen, wurden nicht für kriegerische Zwecke verwendet, sondern für Turnierkämpfe. Es gibt etwa auch einen Pferdeharnisch zu sehen, den Maximilian I. König Heinrich VIII. von England schenkte.

Weshalb verschenkte er ausgerechnet Rüstungen?

Terjanian: Er stärkte damit seine diplomatischen Beziehungen, und Rüstungen waren begehrte Kunstobjekte. Maximilian I. hatte ein fantastisches Netzwerk und konnte deshalb diese exklusiven Harnische fertigen lassen.

Warum liegt der Fokus auf den Rüstungen?

Terjanian: Harnische schützten ihren Träger nicht nur im Krieg. Jede Rüstung, die Maximilian I. besaß oder verschenkte, offenbart seine strategischen Ziele. Anhand dieser Objekte lassen sich also politische Schachzüge nachvollziehen.

Maximilian I. war auch ein Intellektueller. Wird diese Seite von ihm in der Ausstellung thematisiert?

Terjanian: Dieser Aspekt wird berücksichtigt. Wir zeigen etwa auch seine autobiografischen Werke. Maximilian I. war ein vielseitiger Mensch mit großen Ideen.

Welche Rolle spielt die Stadt Innsbruck in dieser Schau?

Terjanian: Man kann die Lebensgeschichte von Maximilian I. nicht erzählen, ohne Innsbruck zu erwähnen. Er war zwar ein Reiseherrscher, aber in Innsbruck laufen viele Fäden zusammen.

Gibt es ein Highlight unter den Exponaten?

Terjanian: Da viele Besucher aus der ganzen Welt kommen, ist es schwierig zu sagen, auf welches Objekt sie besonders ansprechen. Aber ich erwarte, dass die Serie der Sandsteinreliefs, die Maximilian zur Dekoration der Fassade des Goldenen Dachls in Auftrag gab, besonders große Aufmerksamkeit erzeugen werden, denn wenn man sie betrachtet, dann öffnet sich ein Fenster in die Welt dieses Herrschers. Für mich ist es so, als hätte man den Eiffelturm nach New York getragen. (lacht)

Finden Sie es nicht schwierig, eine Persönlichkeit, an dessen 500. Todestag in diesem Jahr gedacht wird, wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken?

Terjanian: Da es viele historische Quellen gibt, ist es leichter, sich der Wahrheit anzunähern. Natürlich wollte Maximilian I. beeinflussen, auf welche Weise er der Nachwelt in Erinnerung bleibt. Wir können aber auf Schriftstücke zurückgreifen, von denen er sicher nicht wollte, dass wir sie heute lesen. Das hilft bei der Wahrheitsfindung.

Kennen Sie Innsbruck?

Terjanian: Ich war oft in Innsbruck, auch in Tratzberg.

Sie sind Experte für Rüstungen. Was fasziniert Sie an diesen Objekten?

Terjanian: Rüstungen verraten viel über ihre Besitzer. Es gibt nicht viele Experten auf diesem Gebiet, was den wissenschaftlichen Austausch oftmals erschwert. Rüstungen haben eine geheimnisvolle Aura. Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl

Kinderspielzeug (Mühlau 1505, KHM Wien)
Kinderspielzeug (Mühlau 1505, KHM Wien)
- MET
Handschuhe von Maximilian I. (ca. 1490, Augsburg, Patrimonio Nacional, Madrid, Real Armería)
Handschuhe von Maximilian I. (ca. 1490, Augsburg, Patrimonio Nacional, Madrid, Real Armería)
- MET