Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.10.2019


Kunst

Ein steter Mahner in Schwarz-Weiß

Sebastião Salgado erhält heute als erster Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Sebastião Salgado zeichnet in seinem Bildband „Gold“ ein erschütterndes Porträt von den Verhältnissen in einer brasilianischen Goldmine.

© imago images/epdSebastião Salgado zeichnet in seinem Bildband „Gold“ ein erschütterndes Porträt von den Verhältnissen in einer brasilianischen Goldmine.



Von Gerlinde Tamerl

Frankfurt – Unendlicher Regenwald. Ureinwohner, die direkt in die Kamera schauen. Der Bildband „Genesis“ (Taschen Verlag) des Starfotografen Sebastião Ribeiro Salgado gewährt Einblicke in das Leben von Naturvölkern, die vom Ansturm der modernen Welt verschont geblieben sind. Es ist eines von vielen Fotoprojekten, mit denen der 75-jährige Salgado eine große Weltöffentlichkeit erreicht.

Salgado, der am heutigen Sonntag als erster Fotograf mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, war heuer zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse. Seit über vierzig Jahren fotografiert er menschliches Leid, etwa den Genozid in Ruanda, aber auch das Leben bedrohter Naturvölker.

Für sein großes soziales Engagement erhielt er viele Auszeichnungen. Zahlreiche seiner Projekte sind in Zusammenarbeit mit „Ärzte ohne Grenzen“, Unicef oder der Unesco entstanden.

Den Medienrummel in Frankfurt lässt er über sich ergehen, schüttelt Hände, signiert Bücher, aber es fällt ihm schwer zu lächeln. Dafür ist seine Mission zu ernst.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Salgado, der seit den 1970er-Jahren als Ökonom Entwicklungshilfeprojekte betreute und auf einer großen Rinderfarm im Amazonasgebiet aufgewachsen ist, erzählt sofort von der verheerenden Zerstörung der Regenwälder in Brasilien. Ohne lange Vorrede appelliert er an die Journalisten, sagt ihnen: „Gemeinsam können wir etwas verändern, den Planeten retten. Wir müssen mehr Druck auf die Landwirtschaftslobby in Brasilien ausüben. Es darf keine Unterschiede mehr zwischen Arm und Reich geben.“

Auf die Frage, ob es ethisch vertretbar sei, bitterarme Menschen auf ästhetischen Bildern festzuhalten, entgegnet er kurz: „Menschliche Würde existiert überall.“

Salgado schildert seine Lebenserfahrungen, etwa wie desillusioniert und von Albträumen geplagt er aus Ruanda zurückkehrte. Aus gesundheitlichen Gründen und weil ihn durch die erschütternden Erlebnisse Zweifel an seiner Arbeit überkamen, hörte er eine Zeit lang sogar mit der fotografischen Arbeit auf.

Mit seiner Frau kehrte er nach Brasilien zurück und begann die landwirtschaftlichen Flächen seiner Eltern im Regenwald neu aufzuforsten. Während dieser Zeit pflanzten die beiden 2,7 Millionen Bäume. Mit jedem Baum kehrte auch seine Hoffnung langsam wieder zurück, erklärt Salgado.

Er fotografiert Schwarz-Weiß. Warum? Für ihn sei die Farbe in Bildern ein Störfaktor, sie würde die Persönlichkeit eines Menschen in den Hintergrund drängen.

Salgado selbst schaut nur ungern direkt in die Kamera. Er konzentriert sich auf seine Botschaften, und er wirkt immer so, als hätte er Sorge, etwas zu vergessen.

2021, so erzählt Salgado, sei eine große Ausstellung über das Amazonas-gebiet geplant, das durch Rodungen und Erosion in seiner Existenz bedroht ist. Dann lässt er noch einmal das Blitzgewitter der Kameras über sich ergehen.

Im Vorbeigehen sagt er zu einem Fotografen: „Achtung, dein Blitz funktioniert nicht!“ Alle lachen. Zum ersten Mal an diesem Vormittag.