Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.11.2019


Interview

Ivana Marjanovic: „Kunst soll Hoffnung suggerieren“

Ivana Marjanovic, die neue Leiterin des Kunstraum Innsbruck, spricht über konkrete Pläne, Zukunftsmusiken, Barriere-Nicht-Freiheit, Selbstausbeutung und leichtfüßig daherkommende politische Kunst.

Seit ihrer Zeit als Fellow im Künstlerhaus Büchsenhausen kennt die gebürtige Belgraderin Ivana Marjanovic Innsbruck gut.

© Thomas Boehm / TTSeit ihrer Zeit als Fellow im Künstlerhaus Büchsenhausen kennt die gebürtige Belgraderin Ivana Marjanovic Innsbruck gut.



Mit Ihnen startet eine neue Ära des Kunstraums Innsbruck. Wie möchten Sie ihn positionieren?

Ivana Marjanovic: Starten werde ich kommenden Freitag mit einem Rückblick auf die Vergangenheit des Kunstraums. Um mit der Präsentation der in den vergangenen Jahren produzierten Editionen zu zeigen, dass ich nicht in der Stunde Null starte. Bei dem von mir gemachten Programm wird es allerdings schwerpunktmäßig um Themen wie Utopie und Vielfalt gehen. Um die Diversität, die unsere Gesellschaft ausmacht, reflektiert mit den Mitteln der Kunst von heute.

Kunst also als höchst politisches Instrument?

Marjanovic: Alles, was wir tun, ist le tztlich politisch. Wobei ich zeigen will, dass politisch aufgeladene Kunst nicht schwer, hintergründig, verkopft daherkommen, das Publikum nicht überfordern muss. Es ist wichtig, dass eine gewisse Leichtigkeit hier ins Spiel kommt, in dem Sinn, dass Kunst, auch wenn ihr Ansatz ein sehr kritischer ist, Hoffnung suggeriert. Etwa in der ersten von mir kuratierten Personale, die der amerikanischen Künstlerin mit mexikanischen Wurzeln Naomi Rincón Gallardo gewidmet ist und am 6. Dezember eröffnet wird. Ihr multimedial aufbereitetes, durchaus sich auch der Mittel von Science Fiction und Mythologie bedienendes Thema sind indigene Frauen als Trägerinnen uralten Wissens genauso wie die Ausbeutung des Landes durch internationale Konzerne. Um nicht zuletzt Fragen nach weltweit wirksamen neokolonialen Strukturen zu stellen.

Muss man die ganze Geschichte, von der die Künstlerin getrieben ist, kennen, um einen Zugang zur Ausstellung zu finden?

Marjanovic: Nein, auch wenn man den genauen Hintergrund nicht kennen sollte, erkennt man intuitiv Elemente, die einen berühren. Geht es primär doch darum, dass Kunst — in diesem konkreten Fall Videos — in ihrer autonomen künstlerischen Aussage ästhetisch überzeugt.

Was werden weitere Themen Ihres Programms für den Kunstraum Innsbruck sein?

Marjanovic: Etwa wie wir mit der Barriere-Nicht-Freiheit unserer Gesellschaft und letztlich auch der des Kunstraums umgehen. Wichtig ist es mir auch, neue Leute in den Kunstraum zu holen. Ihn zu öffnen für Menschen, die nicht selbstverständlich in Galerien oder Museen gehen.

Wie wollen Sie das anstellen?

Marjanovic: Beim Wienwoche-Festival, das ich eine Zeit lang mitkuratiert habe, haben wir etwa in einem ganz normalen Kaffeehaus Performances gemacht. Und das möchten wir auch in Innsbruck versuchen. Um auf diese Weise den öffentlichen Raum mit Kunst zu infiltrieren, eine Kommunikation anzuzetteln. Durch medienübergreifende Interventionen in der Form von Musik, Performances, die unterschiedlichsten Formate von Kunst.

Haben Sie entsprechende Orte in Innsbruck schon gefunden?

Marjanovic: Ich bin gerade auf der Suche nach solchen. In Wien jedenfalls war das Interesse groß.

Ihr großer Vorteil als neue Chefin des Kunstraums ist, dass Sie Innsbruck seit Ihrer Zeit als Fellow im Künstlerhaus Büchsenhausen gut kennen.

Marjanovic: Ja, das hilft mir natürlich sehr. Ich bin in intensivem Kontakt mit den unterschiedlichsten Institutionen vor Ort, von der pmk bis zum Literaturhaus.

Sind Kooperationen mit diesen und anderen lokalen Veranstaltern geplant?

Marjanovic: Längerfristig sicher, aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik. Ich überlege auch, im Kunstraum einen Lesekreis zu installieren, um sich in spezielle Themen der Kunst zu vertiefen. Der Kunstraum soll jedenfalls ein lebendiger Ort sein bzw. zu einem solchen werden, an dem viel los ist. Entwickelt rund um vier bis fünf Ausstellungen als die zentralen Fixpunkte im Jahresprogramm.

Werden diese Ausstellungen ausschließlich Sie selbst kuratieren?

Marjanovic: Die meisten sicher. Wobei es mir schon wichtig ist, auch lokale Akteure zu involvieren. Künstlerinnen und Künstler im engeren Sinn genauso wie Musiker und Theoretiker bzw. Wissenschafter. Alle sind eingeladen, Männer und Frauen, egal woher sie kommen. Um vielleicht im Rahmen von tki-open in unserem Projektraum etwas zu entwickeln. Auf diese Weise wird ein Ort wie der Kunstraum lebendig, kommen neue Leute, entstehen neue Perspektiven.

Wie soll sich der Kunstraum programmatisch von der Taxisgalerie, dem Landesmuseum oder der Tiroler Künstlerschaft abgrenzen?

Marjanovic: Ich glaube, es ist wichtig, dass sich die einzelnen Institutionen nicht als Konkurrenz empfinden. Jeder von uns hat ein eigenes Profil, hat unterschiedliche Interessen. Wir sind zwar vernetzt, unterstützen uns nach Möglichkeit, geht es letztlich doch um ein Ganzes. Wir alle bewegen uns auf einer Bühne, sind Blicken ausgesetzt. Aber letztlich geht es um die Frage, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt. Das mit den Mitteln der Kunst zu hinterfragen, ist ein großes Bedürfnis.

Sie haben viele Pläne. Reichen da die Mittel aus, die Sie von Bund, Land und Stadt zur Verfügung haben?

Marjanovic: Das Geld ist knapp, wird im Großen und Ganzen von den Ausstellungen aufgefressen. Diesbezüglich werden wir uns sicher etwas einfallen lassen müssen.

Ihr Team ist ja winzig.

Marjanovic: Ja, es besteht letztlich aus mir und einer Halbtagskraft. Es funktioniert eigentlich nur, weil wir mit so viel Leidenschaft selbstausbeuterisch am Tun sind. Wobei es mir wichtig ist, dass wir unseren Künstlern kleine Honorare zahlen können. Was letztlich mit Wertschätzung für ihre Arbeit zu tun hat. Und der neue Vorstand des Vereins als Träger des Kunstraums ist eine große Unterstützung für mich. Ich orte jedenfalls überall Aufbruchsstimmung.

Gibt es Kontakte mit der lokalen Künstlerszene?

Marjanovic: Ich kenne manche, versuche weitere Kontakte aufzubauen. Aber der Kunstraum ist sicher nicht der Ort, an dem sich die jungen Künstler vor Ort ausprobieren können. Das Problem ist, dass viele Innsbruck verlassen. Aber wie das zu stoppen ist, müssen sich andere überlegen.

Das Interview führte Edith Schlocker

Zur Person

Ivana Marjanovic: 1979 in Belgrad geborene, seit 2006 in Wien lebende Kunsthistorikerin. Mitgründerin des Belgrader Kunstraums Galerie Kontekst. 2016-18 Teil des Leitungsteams des transkulturellen Kunst- und Kulturfestivals Wienwoche. 2011/12 Fellow im Künstlerhaus Büchsenhausen. Leitet seit diesem Herbst in der Nachfolge von Karin Pernegger den Kunstraum Innsbruck. Die Ausstellung „Editionen. Eine Retrospektive" wird am Freitag, 19 Uhr, eröffnet.