Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.11.2019


Kunst

Kunstpreis für Tiroler: Im Narrativen gefangener Unschubladisierbarer

Der Tiroler Thomas Feuerstein erhält heute im Bundeskanzleramt den Österreichischen Kunstpreis 2019 im Bereich Medienkunst.

Thomas Feuersteins Beitrag zur Ausstellung „Schönheit vor Weisheit im ferdinandeum. „Futur II, Praesens, Gadget“, 2013/16.

© Richard Günther WettThomas Feuersteins Beitrag zur Ausstellung „Schönheit vor Weisheit im ferdinandeum. „Futur II, Praesens, Gadget“, 2013/16.



Von Edith Schlocker

Wien – In einer Ausstellung von Thomas Feuerstein fühlt man sich in das Labor eines Alchemisten versetzt. Überall blubbert und brodelt, rinnt, verdampft und gerinnt es, wechseln Stoffe ihre Aggregatzustände. Und genau dieses Prozesshafte ist es, was den 51-jährigen, international umtriebigen gelernten Kunsthistoriker und Philosophen interessiert, der als Künstler ein Nicht-Schubladisierbarer ist, obwohl er heute mit dem Österreichischen Kunstpreis 2019 in der Kategorie Medienkunst ausgezeichnet wird.

Ein Preis, über den sich der Gründer des Vereins medien.kunst.tirol sehr freut. Wegen des Ausdrucks der auf diese Weise offiziell bestätigten Wertschätzung seines konsequenten Tuns, mehr noch aber wegen der 15.000 Euro Preisgeld, die bereits in die Anschaffung neuer Produktionsmittel für sein jüngstes Projekt geflossen seien, so der seit vielen Jahren in Wien lebende gebürtige Innsbrucker.

Thomas Feuerstein hat das Preisgeld von 15.000 Euro bereits in Produktionsmittel für eine neue skulpturale Arbeit investiert.
Thomas Feuerstein hat das Preisgeld von 15.000 Euro bereits in Produktionsmittel für eine neue skulpturale Arbeit investiert.
- Thomas Boehm / TT

Der hier sozusagen zum Bauer wird, zum Züchter eines von Bakterien generierten Kunststoffs, aus dem in einem nur eingeschränkt steuerbaren Prozess eine Skulptur entstehen soll, die gleichzeitig wächst und so lange an sich nagt, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Ein ähnliches Schicksal wie Feuersteins Marmorskulptur, die am Ende der Laufzeit von fast vier Monaten der Biennale von Lyon am 5. Jänner von Bakterien in eine zombiehaft daherkommende Gipsfigur verwandelt sein wird.

Was sich in seinen Objekten chemisch oder physikalisch tut zu durchschauen, sei letztlich nicht wichtig, so der Künstler, der sich für sein Tun selbst des Know-hows von Naturwissenschaftern bedienen muss. Handle es sich dabei doch primär um skulpturale, rein emotional fassbare ästhetische Objekte. Die letztlich Subjekte bzw. Performer seien, um zwischen Utopie und Horror angesiedelte Geschichten zu erzählen. Die genauso mit mythologischen Themen, archaisch Obsessivem wie Zukunftsvisionen von einer Welt zu tun hätten, in denen Algorithmen die Herrschaft übernommen haben werden.

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Ihn interessiere eine neue Ebene der Kunst, sagt Thomas Feuerstein, Technologien, die die Umwelt genauso wie uns Menschen psychisch ebenso wie physisch verändern werden. Um auf diese Weise zu einem höchst politisch getriebenen, philosophisch durchpulsten Akteur zu werden, einem Denker in Narrativen, als der er sich in der Tradition der Wiener Aktionisten bzw. Pioniere der österreichischen Medienkunst weiß.

International Aufsehen erregt Feuerstein regelmäßig durch seine raumfüllenden Installationen. Dabei wird oft vergessen, dass er medial auf den unterschiedlichsten Ebenen unterwegs ist. Als Verfasser von Kurzgeschichten und Hörspielen genauso wie als Maler und Zeichner, auf Papier gebracht mit einem Stück Graphit, der vielleicht in einer seiner Maschinen entstanden ist.