Letztes Update am Fr, 21.06.2013 11:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kunst

Schaulaufen und Schifferl versenken

Reichlich Politisches und manch Poetisches unter den 88 nationalen Pavillons auf der Biennale. Das Ländermatch hat Angola für sich entschieden.



Von Ivona Jelcic

Venedig – Ausnahmezustand vor dem Pavillon von Angola im Palazzo Cini Samstagmittag: Gerade eben ist der künstlerische Beitrag des südwestafrikanischen Landes überraschend mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Jetzt steigt sich das Publikum gegenseitig auf die Füße, um einen Blick auf die Arbeit des jungen angolanischen Künstlers Edson Chagas zu werfen, die inmitten von Vittorio Cinis Renaissance-Schätzen ungezwungen Raum greift: Chagas’ „Luanda, Encyclopedic City“ – übrigens Angolas Debüt auf der Venedig-Biennale – ist eine Kartographie aus verlassenen Ecken und vergessenen Objekten in Angolas Hauptstadt Luanda. Präsentiert in 23 über die Räume verteilten Blöcken aus Fotopostern zum Mitnehmen. Diese Stadt-Enzyklopädie darf auch woanders zusammengepuzzelt werden.

Einen ähnlich hohen Beliebtheitsgrad wie der am Samstag gekürte Sieger-Pavillon hatten andere bereits in den Tagen zuvor: Schlangestehen hieß es etwa vor den Toren Deutschlands und Frankreichs, die nicht nur durch ihren Pavillon-Tausch für Neugier gesorgt hatten: Deutschland auch mit dem wohl prominentesten Biennale-Künstler Ai Weiwei, der neben Arbeiten von Dayanita Singh, Santu Mofokeng und Romuald Karmakar eine schwebende Installation aus fast 900 antiken Holzschemeln zeigt; bei einem Parallel-Event zur Biennale außerdem Szenen aus seiner Zeit im Gefängnis sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erdbeben von Sichuan.

Politisches, verhandelt auf eine unbekümmert enthusiastische und trotzdem irgendwie didaktische Weise, zeigt nebenan auch Jeremy Deller unter dem Titel „English Magic“ im Pavillon der Briten. Den Fans von David Bowies Ziggy-Stardust-Tour von 1972 folgt Deller entlang der Spur des zur selben Zeit blutig eskalierenden Nordirland-Konflikts und der Bürgerrechtsbewegungen. Den britischen Sozialisten William Morris lässt er Roman Abramowitschs Yacht in der Lagune versenken. Vor den Giardini ankern diesmal aber andere, großräumig eingezäunte Luxuskähne, deren Passagiere auf den Decks eifrig am Laufband trainieren, während unten eilig das Kunstvolk vorbeihastet.

Im hinteren Teil der Giardini, wo auch der handgemachte Animationsfilm des österreichischen Teilnehmers Mathias Poledna zu finden ist, überzeugen Griechenlands Stefanos Tsivopoulos mit einem dreiteiligen Filmprojekt über die verschlungenen Wege des Geldes sowie die serbischen Künstler Vladimir Peric und Milos Tomic mit poetischen Zugängen zu Alltagskultur und -objekten.

Ein Großteil, nämlich 60 der 88 Länderpavillons, ist inzwischen über die Lagune verteilt, im Arsenale bespielt neuerdings auch der Vatikan eine großzügige Fläche, allerdings mit allzu Bedeutungsschwangerem zur Schöpfungsgeschichte. Eine Entdeckung ist die vor dem Arsenale einem Sportzentrum untergebrachte Kollaboration zwischen Zypern und Litauen: labyrinthisch angelegte und von einigen Performern vorgezeigte Exerzitien des Physischen und Psychischen, die völlig zu Recht mit einer lobenden Erwähnung der Jury bedacht wurden.




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