Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 30.09.2014


Hall

Heimat hinter fremden Fensterläden

Was bisher unerzählt blieb: Die Ausstellung „Hall in Bewegung“ will die Migrationsgeschichte der Stadt sichtbar machen.

© Thomas Böhm / TTArbeitskräfte sind gekommen, Menschen geblieben: „Hall in Bewegung“ in der Salvatorgasse.Foto: Thomas Böhm



Von Ivona Jelcic

Hall – In der Haller Salvatorgasse hat es zurzeit nichts Unstatthaftes, an fremden Türen zu lauschen und hinter Fensterläden zu spähen. Man wird vielmehr dazu eingeladen. Denn aus den altmodischen Gegensprechanlagen tönen Erzählungen, die gehört werden wollen. An Türschilder sind Lebensgeschichten geknüpft. Fenster wollen neue Perspektiven eröffnen.

Es geht um Ankunft, Ablehnung, Anpassung und Ängste, um Neubeginne, Hoffnungen, Konflikte und nicht zuletzt auch Ignoranz. Nämlich gegenüber einem Teil der österreichischen Geschichte, der die wirtschaftliche Entwicklung, aber vor allem auch die Gesellschaft maßgeblich mitgeprägt hat. Vor fünfzig Jahren, am 15. Mai 1964, schloss die Republik Österreich das Anwerbeabkommen mit der Türkei, zwei Jahre später jenes mit dem ehemaligen Jugoslawien. Dass die Geschichte der so genannten Gastarbeiter in der etablierten Geschichtserzählung bisher weitgehend unbeachtet blieb, mag auch damit zusammenhängen, dass ihre Anfänge von keinerlei Weitblick geprägt waren, es auch dann noch keine politischen Antworten auf eine Migrationsgesellschaft gab, als diese längst Realität geworden war.

Tatsache bleibt: Viele „Gäste“ sind geblieben und Teil der österreichischen Geschichte geworden. Eine Reihe von Historikern und Migrationsexperten, darunter Dirk Rupnow vom Innsbrucker Institut für Zeitgeschichte, fordern bereits seit Jahren ein „Archiv der Mi­gration“, das etwa auch die Erinnerungen von „Gastarbeitern“ der ersten Stunde als wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses begreift und archiviert. Am Innsbrucker Zeitgeschichte-Institut ist die Migrationsgeschichte (die TT berichtete) ein Forschungsschwerpunkt, aus dem nun die Ausstellung „Hall in Bewegung – Spuren der Migration in Tirol“ hervorgegangen ist. Sie ist an einem Ort zu sehen, der selbst Teil der Zuwanderer-Geschichte ist: In der Salvatorgasse 19 war einst ein muslimischer Gebetsraum untergebracht, in den umliegenden Altstadthäusern fanden in den 1960er- und 1970er-Jahren viele ausländische Arbeitskräfte eine Bleibe. Die Wohnverhältnisse in den damals noch unsanierten Häusern waren schlecht, die nicht angemeldeten, nächtlichen „Überprüfungen“ durch die Behörden reichlich „rüde“, wie sich der ehemalige Leiter des Sozial- und Wohnungsamts der Stadt Hall in einem Interview erinnert. „Man ist da in private Sphären eingedrungen, in einem Stil, den man sich heute nicht mehr vorstellen kann.“

Die Ausstellung, kuratiert von Verena Sauermann, Veronika Settele und Katharina Santer und entworfen von StiftungFreizeit, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Geschichte aktiv erlebbar gemacht werden kann. Über die gesamte Salvatorgasse hinweg laden eingebaute Türen, Fenster und Schaukästen dazu ein, geöffnet zu werden, um verschiedene Aspekte der Haller Migrationsgeschichte zu offenbaren. Man erfährt etwa vom Schlosser Arik Yildirim, wie er in Tirol Musikkarriere gemacht hat. Und warum die Postfiliale in der Krippgasse auch für Migranten ein wichtiger Ort war: Hier hat man lang ersehnte Briefe abgeholt, Ferngespräche geführt, Landsleute getroffen.

An der Entstehung der Ausstellung waren auch Schülerinnen und Schüler aus drei Bildungseinrichtungen maßgeblich beteiligt, sie haben etwa zahlreiche Zeitzeugen-Interviews geführt. Die Schau ist bis 25. Oktober (Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr) zu sehen, geführte Rundgänge werden angeboten. Mehr Infos unter www.hall-in-bewegung.at