Letztes Update am Mi, 14.10.2015 04:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Werner W. Ernst

„Dem Denken werden gewaltsam Grenzen gesetzt“

Mit seinem neuen Buch legt der Politologe und Psychoanalytiker Werner W. Ernst eine Theorie des Bösen vor. Die TT hat mit ihm darüber gesprochen.

© Thomas BöhmWerner W. Ernst, Jahrgang 1947, lehrte politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Innsbruck.



Wir müssen über das Böse reden.

Werner W. Ernst: Sollten wir.

Dass sich ein Politikwissenschafter mit einer eher abstrakten Größe wie dem Bösen beschäftigt und eine umfangreiche Theorie des Bösen vorlegt, hat mich überrascht. Wie kam es dazu?

Ernst: Das Böse kam über das Leben selbst in mein Leben. Über die Praxis, könnte man sagen. Ich habe das Böse als gewaltsamen Akt erlebt. Oder besser gesagt, ich habe es über Gewalten auf verschiedensten Feldern erlebt.

Wenn Sie Gewalt sagen, sprechen wir dann über ganz konkrete körperliche Gewalt oder fassen Sie den Begriff weiter, im Sinne von anderen Formen der Machtausübung?

Ernst: Es gibt verschiedene Formen der Gewalt. Dass psychische Gewalt zum Schlimmsten gehört, das ein Mensch erleiden muss, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Mich interessieren aber auch andere Formen der Gewalt: akademische Gewalt, wissenschaftliche Gewalt. Davon redet niemand.

Sie beschreiben jede Form des Auftrennens von Zusammenhängen als böse.

Ernst: Ich spreche von Trennungs- und Denkgewalten. Das habe ich erlebt. Darunter habe ich gelitten. Wissenschaftliches Arbeiten ist von Trennungen bestimmt. Und das halte ich für falsch. Jeder Wissenschaftler wird diszipliniert, also in Disziplinen gezwungen. Das heißt, dass dem Denken ganz mutwillig und gewaltsam Grenzen gesetzt werden. Durch dieses Ausgrenzen werden die Resultate verfälscht. Sie stimmen einfach nicht mehr.

Zur Person

Werner W. Ernst war von 1987 bis 2012 Professor am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Innsbruck und arbeitet als Psychoanalytiker und Therapeut.

Sein Buch „Das Böse, die Trennung und der Tod“ (350 Seiten, 41 Euro) ist im Wiener Passagen-Verlag erschienen.

Aber gerade in den letzten Jahren haben Universitäten interdisziplinäre Projekte forciert.

Ernst: Und das Resultat sind Sammelbände, in denen ein Aufsatz neben dem anderen steht, ohne dass es ein wirkliches Miteinander gäbe. Nichts nimmt aufeinander Bezug. Auch wenn die Disziplinären so tun, als wären sie interdisziplinär, bleiben sie doch in ihren Disziplinen, schließlich hat man es so gelernt. Dabei werden die einzelnen Disziplinen immer kleiner, das Verständnis spezieller, die einzelnen Felder und damit auch die Menschen, die sie bearbeiten, enger.

Was wäre die Alternative?

Ernst: Erinnern Sie sich daran, wie Sie die Welt als Kind wahrgenommen, wie Sie sie begriffen haben? Da dachte man in Zusammenhängen. Und diese Zusammenhänge wurden getrennt: Man sollte in einen bestimmten Kindergarten gehen, in eine bestimmte Schule, dort gab es bestimmte Fächer in denen das, was bis dahin ganz zusammengehörte, in Fächer getrennt wurde. Früher haben wir von Fachtrotteln gesprochen. Man kann auch von einem fragmentierten Bewusstsein sprechen. Kurzum, irgendetwas fehlt: Das Denken in Zusammenhängen, das Fühlen in Zusammenhängen.

Und wie müsste ein Ausbildungsbetrieb, eine Universität zum Beispiel, die diesem Ideal gerecht wird, aussehen?

Ernst: Die Frage kann erst am Ende gestellt werden. Zunächst gilt es, die Menschen wieder kritikfähig zu machen. Es muss erst erkannt werden, dass etwas falsch läuft. Und das tun im Moment die Wenigsten. Es wird eine Reform nach der anderen gemacht, dann folgen die Reformen der Reform. Und was wird reformiert? Das, was sich über Zahlen abbilden lässt, Verwaltungsfragen. Eine Veränderung muss von den Menschen selbst kommen. Solange das nicht der Fall ist, hat es keinen Sinn. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Es würde genügen, wenn Wissenschafter ihr Interessensgebiet überschauten – und über den Tellerrand hinaus Bezüge zulassen würden.

Und dass dem im Moment nicht so ist, ist böse?

Ernst: Es ist falsch und für denjenigen, der davon abweicht, das habe ich am eigenen Leib erfahren, peinigend und schmerzvoll. In mehrfacher Hinsicht: Man sieht sich mit einer feindlichen Umwelt konfrontiert, wird abgelehnt und leidet gleichzeitig am Mangel. Weil man ja fühlt, dass es in der Welt, in der man sich bewegt, etwas gibt, was nicht artikuliert werden darf. Als ich mir dieses Mangels bewusst wurde, habe ich die Ausbildung zum Psychoanalytiker gemacht. Dort werden Gefühle, Leidenschaften, das Unbewusste und das so genannte Unvernünftige besprochen. Und die Beschäftigung damit hat mir noch viel deutlicher vor Augen geführt, wie einseitig und falsch das Primat des scheinbar Objektivierbaren ist. „Ich denke, also bin ich“, heißt es bei Descartes. Das halte ich für falsch. Man ist schon, bevor man denkt. Vor dem Denken gibt es die Triebe. Und nur weil man das Denken gelernt hat, sind die Triebe noch nicht verschwunden.

Sie haben jetzt viele Beispiele für das Böse genannt. Es stellt sich also nur noch die Frage nach dem Guten.

Ernst: Das Gute waltet im Verborgenen, in der Zurückhaltung. Man muss sich auf die Suche machen, fündig wird man dort, wo der andere in seiner Verschiedenheit angenommen wird und die Wahrheit des Subjektiven akzeptiert wird.

Das Interview führte Joachim Leitner