Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.10.2015


Literatur

Protokolle des Alltäglichen

Obwohl in Karl Ove Knausgårds auf fast 4000 Seiten ausgebreiteter Lebensgeographie nicht wirklich viel los ist, macht die Art, wie er sie beschreibt, regelrecht süchtig.

© EPA/JutrczenkaKarl Ove Knausgård, Jahrgang 1968, gilt als wichtigster norwegischer Autor seiner Generation.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Im wirklichen Leben spricht Karl Ove Knausgård nicht viel. Ganz anders verhält es sich, wenn der 46-jährige norwegische Autor über sein Leben schreibt. Um in fast 4000 – auf sechs Bände aufgeteilte – Seiten sich zu erinnern. „Min Kamp“ heißt der Zyklus im Original, ein Titel, den wortwörtlich ins Deutsche zu übertragen natürlich absolut unmöglich war. Weshalb die bisher auf Deutsch erschienenen Bücher „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“ und „Träumen“ heißen. 2017 soll die Nummer sechs folgen.

Obwohl „Sterben“ bereits 2009 erschienen ist, war Knausgård bis heuer hierzulande nahezu ein Unbekannter, während seine Bücher in Skandinavien und in den USA bereits seit einigen Jahren Bestseller sind. Ein regelrechtes Fieber bei den Lesern ausgelöst haben und das, obwohl in „Min Kamp“ eigentlich nicht viel los ist. Ist das Leben des 1968 in Oslo als Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester geborenen Knausgård, der gemeinsam mit einem einige Jahre älteren Bruder auf der norwegischen Insel Tromoy und in Kristiansand aufgewachsen ist, doch alles andere als spektakulär.

Doch wie er seine Lebensgeographie beschreibt, ist gerade im Vermeiden alles Metaphorischen, jeglicher Manierismen, Verdichtungen und Verkürzungen, auf subversive Weise auch literarisch eine Wucht. Formuliert als Protokolle des Alltäglichen, letztlich des Scheiterns, in denen jedes Detail wichtig ist. Dazu gehören teilweise auf mehreren Seiten ausgebreitete Schilderungen des norwegischen Wetters, von Landschaften und kindlichen Entdeckungstouren genauso wie die von Saufexzessen, Freundschaften und Feindschaften oder der Musik, die er und seine Freunde gerade hören bzw. machen. Als sein Weg, „sich auszuhalten“, wie der heute mit Frau und vier Kindern in Südschweden lebende, sich allen sozialen Netzwerken versagende Autor selbst sagt. Zelebriert als eine ganz spezielle Art der Selbstreflektion, die die Leser der inzwischen in 30 Sprachen übersetzten und vielfach preisgekrönten Bücher regelrecht süchtig macht.

Obwohl es in jedem der Bücher letztlich um dasselbe geht, ist der Ton in jedem irgendwie anders. Und so stört es auch überhaupt nicht, dass immer wieder Sequenzen auftauchen, die man bereits kennt, da sie aus einer anderen Perspektive aufgerollt werden. Etwa der kindlichen im Band „Spielen“, wo sich Knausgård mit fast unglaublicher Empathie in die so verletzliche Seele des Sechsjährigen zurückversetzt, der er einmal war. In das Gefühl seiner übermächtigen Angst vor dem gnadenlosen Vater und der Mutter gegenüber, die ihn nie wirklich verstand.

Um die Auseinandersetzung mit der schwierigen Vaterfigur geht es im Wesentlichen auch im Band „Sterben“, am Rand auch bei „Träumen“, dem soeben auf Deutsch erschienenen Band fünf, dessen 800 Seiten Knausgård 2011 in nur acht Wochen geschrieben hat. „Ohne lange nachzudenken“, wie der Autor kürzlich in einem Interview bekannte.

Anders als in den anderen Büchern geht es hier allein um Knausgårds zehn Jahre in Bergen. Dorthin zieht er als 19-Jähriger, erfüllt vom Wunsch, Schriftsteller zu werden. In die renommierte Schreibakademie ist er aufgenommen worden, aus dem Schreiben wird es aber vorerst nichts. Einsamkeit und Selbstzweifel, das Gefühl absoluter Wertlosigkeit bestimmen sein Dasein, er liest sich quer durch die Weltliteratur, in Thomas Bernhards „Auslöschung“ findet er den Rhythmus, von dem er für eine Weile glaubt, dass er auch der seine werden könnte. Neben seinem Bruder fühlt sich Karl Ove nach wie vor klein, besonders als dieser ihm die erste große Liebe abspenstig macht.

Die folgenden Jahre sind von Schreibblockaden, immer wieder neuen Schreibversuchen, Absagen, Frauengeschichten und diversen Jobs, um sich über Wasser zu halten, geprägt. Er hascht, klaut Fahrräder, sprayt und säuft bis zur Bewusstlosigkeit. Beschrieben mit einer radikalen Schonungslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, die in ihrer unaufgeregten literarischen Raffinesse bisweilen fast körperlich weh tut.

Doch plötzlich funktioniert es mit dem Schreiben und er weiß, dass das, was da schlafwandlerisch aus ihm heraussprudelt, gut ist. Ihm sein laut Dagbladet „sensationelles literarisches Debüt“ gelungen ist. Knausgård wird herumgereicht, gefeiert, zu Lesungen und Interviews eingeladen. Plötzlich ist er wer. Gefolgt von langen vier Jahren, in denen ihm absolut nichts einfällt, das er nicht am nächsten Tag wieder verwirft. Zeit, die Koffer zu packen, Bergen zu verlassen. Und auch seine Frau, denn er weiß, dass auch das vorbei ist.

Roman Karl Ove Knausgård: Träumen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand, 793 Seiten, 25,70 Euro.