Letztes Update am Mo, 23.11.2015 05:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Flüchtlingskrise: „Die Politik agiert planlos“

Daniel Zipfel arbeitet als Asylrechtsberater und hat mit „Eine Handvoll Rosinen“ einen facettenreichen Roman zum Thema Flucht vorgelegt. Im Gespräch mit der TT plädiert der Autor für eine Versachlichung der Flüchtlingsdebatte.

© Manfred Weis„Literatur muss sich den dringlichen Themen der Zeit widmen“, sagt Autor und Jurist Daniel Zipfel.



Sie lassen Ihren Roman vor über zehn Jahren spielen. Trotzdem liest er sich brennend aktuell. Er hätte ohne Weiteres auch im Herbst 2015 angesiedelt sein können.

Daniel Zipfel: Ich schildere eine historische Momentaufnahme, weil ich finde, dass man eine abgeschlossene Situation besser analysieren kann. Dass es Parallelen zur Gegenwart gibt, ist traurig. Dass Vorfälle, die eigentlich im Fiktionalen hätten bleiben sollen, inzwischen tatsächlich passiert sind, auch.

Lässt sich die aktuelle Situation denn mit den Ereignissen des Jahres 2003, die den Hintergrund für „Eine Handvoll Rosinen“ abgeben, vergleichen?

Zipfel: Nur insofern, als es sich beide Male um eine Eskalatio­n handelt, die uns scheinbar unvorbereitet trifft. 2003 gab es noch keine Grundsicherung für Asylwerber. Das hat sich inzwischen geändert.

Sie sagen „scheinbar unvorbereitet“ ...

Zur Person

Daniel Zipfel, Jahrgang 1983, ist seit 2008 Jurist in der Asylrechtsberatung. Er lebt in Wien. Sein Romandebüt „Eine Handvoll Rosinen“ (234 Seiten, 19,90 Euro) ist gerade im Verlag bei Kremayr und Scheriau erschiene­n.

Zipfel: Ich halte es für grundlegend falsch, wenn man jetzt sagt, die aktuelle „Flüchtlingskrise“ sei unvorhersehbar gewesen. Man hätte sich vorbereiten können, ja müssen. Wir wissen seit Jahren, was in Syrien passiert. Wir kennen die Situation in den südeuropäischen Landern, die mit den Flüchtlingen jahrelang alleinegelassen wurden. Und dass in den Nachbarländern Syriens, im Libanon und der Türkei zum Beispiel, Millionen Menschen in Lagern leben, wussten wir auch. Aber die Politik hat sich dieser Situation nicht gestellt. Und jetzt agiert sie wie ein planloser Häuselbauer. Man baut da ein neues Fenster – und da wird eine Tür wieder rausgenommen. Ohne Plan. Ohne Konzept. Und jetzt regnet es durchs Dach.

Im Moment ist ein Zaun ums planlos gebaute Haus Thema.

Zipfel: Es ist absurd. Einmal wird von Schlepperbekämpfung geredet, dann wieder von einem Zaun, der ja erst recht zum Anwachsen von Schlepperkriminalität führen würde. Überhaupt wird viel zu viel über Angst geredet. Dabei müsste man mehr über Deutschkurse und den Arbeitsmarkt reden. Wenn es wirklich einen Plan gäbe, wäre die Situation auch zu lösen.

Wie sollte dieser Plan aus­sehen?

Zipfel: Während der Balkankriege hat Österreich 90.000 Flüchtlinge aufgenommen, ihnen ohne große Gegenwehr Vertriebenenrecht und de fact­o Schutzstatus gegeben und sie in den Arbeitsmarkt integriert. Ein vergleichbares Vertriebenen­gesetz für Syrer wäre bereits ein Anfang. Es würde das System entlasten.

Inwiefern?

Zipfel: Im Moment erhalten alle syrischen Flüchtlinge den Asylstatus, aber davor schleust man sie durch ein langjähriges Asylverfahren und belastet damit ein System, das nicht für eine so große Zahl von Menschen angelegt ist. Auch in anderen Punkten hätte man aus der Geschichte lernen können: Die Kompetenzstreitigkeiten zwischen Bund und Ländern gab es bereits 2003/04: Man hätte sie also angehen können. Ein anderer Schritt wäre natürlich auch die Bezirksquoten-Regelung, die ja inzwischen wieder vom Tisch ist: Die Verteilung der Schutzsuchenden, die bereits hier sind, in kleineren Gruppen auf verschiedene Orte ist ja schon deshalb besser, weil es der erste Schritt in Richtung Integration wäre.

Von Seiten der Politik wird immer wieder auf die europäische Dimension der Flüchtlingskrise verwiesen.

Zipfel: Natürlich ist es ein europäisches Problem. Genauso wie eine gesamteuropäische Linie im Umgang mit der Situation in Syrien unumgänglich ist, ist auch ein europäisches Asylsystem eine Notwendigkeit. Es braucht eine Quotenregelung – und es muss legale Möglichkeiten der Einwanderung geben. Das Phänomen der Flucht in einer globalisierten Welt mag etwas Neues sein: Trotzdem: Kein Staat kann so tun, als ginge ihn das nichts an. Aber auch bei einem europäischen Problem muss jede Regierung ihre Hausaufgaben machen: Ich bin beispielsweise davon überzeugt, dass Asyl beim Innenministerium falsch angegliedert ist, weil es das Thema per se zum Sicherheitsproblem macht – und dann wird sofort über Zäune geredet.

Was wäre eine Alternative?

Zipfel: Ein eigenes Staatssekretariat für Asylfragen. Auch das könnte einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung des Diskurses leisten. Wir müssen weg von diesem Narrativ der Bedrohung. Im Zusammenhang mit Flüchtlingen wird seit Jahren vorrangig emotional argumentiert. Dann ist von Invasion die Rede, von Überschwemmung und so weiter, was das Unbehagen der Bevölkerung natürlich verstärkt.

Im Moment scheint die Sicherheitsfrage vorrangig.

Zipfel: Natürlich muss man auf das Unbehagen und auf Ängst­e eingehen. Zur Entspannung der Situation wäre die Verteilung der Flüchtenden auf kleinere Gruppen wichtig. Und wenn Sie jetzt auf die Angst vor Islamismus anspielen, kann ich nur sagen: Viele, die derzeit hier ankommen, sind vor Fundamentalisten auf der Flucht.

Sie haben Ihre Erfahrungen mit der Situation in Romanfor­m verarbeitet. Kann Literatur zum Verständnis der aktuellen Lage beitragen?

Zipfel: Literatur ist eine Kraft, die langsam, aber stetig fließt. Eine unmittelbare Wirkung erzielt sie wohl nicht. Aber längerfristig kann sie sicherlich den Blick auf bestimmte Probleme verändern. Es wird ja immer gefordert, dass Literatur sich politischer Fragen annimmt. Sicherlich gab es bei mir den Anspruch, Leser für die Situatio­n von Flüchtenden, aber auch für die Situation, dere­r, die mit ihnen konfrontiert sind, zu sensibilisieren – ohne in eine Form von Sozialromantik oder Kitsch zu verfallen.

Die Frage, ob der mitunter tragischen Realität mittels Fiktion überhaupt beizukommen ist, stellt sich für Sie also nicht?

Zipfel: Natürlich fragt man sich das. Man will ja die Realität nicht für eine gute Geschichte missbrauchen. Aber Literatur hat sich schon wesentlich Katastrophalerem gewidmet als dieser aktuellen – und, wie gesagt, lösbaren – Krise. Überhaupt: Wenn Literatur nicht von den großen, dringlichen Themen einer Zeit, von den äußeren und inneren Krisen handeln soll, stellt sich doch eher die Frage: Ja, wovon soll sie denn sonst handeln?

Das Gespräch führte Joachim Leitner