Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Literatur

Viel Bouquet, keine schnelle Nummer

Mit “Kains Opfer“ quetschte sich Alfred Bodenheimer in die unendlichen, aber dicht besetzten Weiten der Krimiliteratur. Sein neuer Krimi verschafft ihm jetzt deutlich mehr Platz.

Alfred Bodenheimer entfaltet mit seinem Hobby-Ermittler Rabbi Klein ein vielfältiges Bouquet für einen Lokalkrimi.

© KalotayAlfred Bodenheimer entfaltet mit seinem Hobby-Ermittler Rabbi Klein ein vielfältiges Bouquet für einen Lokalkrimi.



Innsbruck – Dieser unscheinbare Schweizer Krimi erzählt viele Geschichten. „Das Ende vom Lied“ ist der Anfang einer neuen Erfahrung. Diese feingliedrige Langsamkeit, mit der Alfred Bodenheimer seinen Rabbi Klein in Zürich ermitteln lässt, hat nichts mit Pater Brown und schon gar nichts mit Pfarrer Braun zu tun. Weit weg von ichbezogenen Selbstdarstellungsverrenkungen vermischen sich jüdische Lebens- und Familienwelten mit Alltagserfahrungen; der orthodoxe Ruhetag, der Schabbat, platzt in die Niederungen von Stalking, undurchsichtige Finanzgeschäfte und einem mysteriösen Todesfall. Denn jene Frau, die Klein wegen unerwiderter Gefühle gestalkt hat, stürzt vom Bahnsteig und wird von einem Zug überrollt.

Virtuos setzt der Autor mit seinen Dialogen Stil-Noten. Rabbi Klein plaudert, lässt sich aus, erzählt, diskutiert, gestikuliert, nimmt sich kein Blatt vor den Mund und dringt so in ein Dickicht von Intrigen, Wirrnissen und Enttäuschungen vor. Er kämpft um seine Frau, die anfangs verdächtigt wird, das Opfer absichtlich vor den Zug gestoßen zu haben. Und der Hobby-Ermittle­r nimmt sich zurück, damit sich die anderen Charaktere gleich einem Bouquet entfalten könne­n.

Bodenheimer zwingt zur Ruhe. Sein Krimi ist keiner für zwischendurch, keiner im Vorbeilesen und mitnichten eine zwei, drei Seiten Einschlaf-Lektüre. „Das Ende vom Lied“ braucht Behaglichkeit. „Lass läuten“, sagt der Rabbi am Ende, als die Täterin überführt wurde. Die Klarheit von Bodenheimers Sprache, die unverschnörkelte Genauigkeit, die distanzierte Anklage und die nüchterne Aufgeregheit erzeugen eine endlos wirkende Spannung.

Wer Rabbi Kleins Gespür fürs Ermitteln verschlingt, wird sich daran verschlucken. Der Krimi ist ganz großes Kin­o mit bewegten Bildern in Worten. Er giert nach Lesezeit, nicht nach einer schnellen Nummer. (pn)

Krimi Alfred Bodenheimer: Das End­e vom Lied, Nagel & Kimche, 208 Seiten, 18,90 Euro.