Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.01.2016


Literatur

Das Leben passt in keine Laufschuhe

© Nina KeinrathDer oberösterreichischen Autorin Daniela Emminger wurde zuletzt das Adalbert-Stifter-Stipendium 2014/15 zugesprochen.Foto: Nina Keinrath



Innsbruck – In meditativer Stille hinter Klostermauern und in passenden Laufschuhen lässt sich die Welt um einen herum recht passabel vergessen. Auch Kilb Lauber, große, blonde und sportliche Anfangdreißigerin, versucht der Sinnkrise auf den kühlen Berggipfeln oder in allen erdenklichen Yogapositionen zu entkommen. Aber weil sich das echte Leben schwer ausblenden lässt, muss sich Kilb zwangsläufig sich selbst stellen. Und weil die österreichische Autorin Daniela Emminger nichts von langweiligen Geschichten und linearen Entwicklungen hält, wird in ihrem dritten Roman „Die Vergebung muss noch warten“ Kilbs Weg aus der Krise Richtung Glück zu einer mitunter skurrilen Achterbahnfahrt.

Zuerst langsam nimmt das neue Leben von Emmingers Protagonistin, die nach einem kleinen Ort im Mostviertel benannt ist, an Fahrt auf. Um nicht gänzlich den Halt zu verlieren, begibt sie sich abwechselnd mit Freundin Josefine zu Psychotherapeut Oswald Jung, der die beiden Frauen für eine Person hält. Doch die Unzufriedenheit und innere Unruhe will nicht vergehen, sondern schlägt in allumfassende, unerklärliche Wut um, was Kilb schließlich dazu bewegt, sich der Selbsthilfegruppe der aggressiven Romantiker anzuschließen.

Dort lernt sie Hürm und seinen weisen Bernhardiner Rum kennen. Hürm weiß, was Wut ausmacht. Er saß im Gefängnis, weil er Rache an dem Mann genommen hat, der sein Kind zu Tode gefahren und seine Frau in den Suizid getrieben hatte. Gemeinsam werden Sinnlöcher gekittet und die Mitte gefunden. Dabei begegnen dem Leser schokosüchtige Lichtesser, wahnsinnige Mörder, eine Droge, die Körper zum rosa Leuchten bringt und Elefanten, die in Hunden wohnen.

In Emmingers Roman legt sich ein Drogennebel über dies und jenes, das Personal ist gelangweilt, kurios wie speziell, die Assoziationssprünge ihres Denkens nicht immer leicht nachvollziehbar. Wenn das Gewicht der Welt die Sinnsuchenden zu erdrücken droht, antwortet Emminger mit sprachlicher Leichtigkeit und (schwarzem) Humor: So kommt die Welt wieder in Fugen – wenn auch in ordentlich verrückter Weise. (wa)

Roman Daniela Emminger: Die Vergebung muss noch warten. Czernin-Verlag, 256 Seiten, 21,90 Euro.