Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 02.02.2016


Luiz Ruffato

Der Erzähler des „unsichtbaren“ Brasiliens

Luiz Ruffato zählt zu den wichtigsten Autoren Brasiliens. Ein Gespräch über die Widersprüche seiner Heimat, glückliche Zufälle und Schreiben als Verpflichtung,

© Andreas Rottensteiner / TTIn Innsbruck war Luiz Ruffato auf Einladung der entwicklungspolitischen Organisation Südwind zu Gast.Foto: Rottensteiner



Der Sohn einer Analphabetin und eines Popcornverkäufers aus einer Kleinstadt wird zu einem der wichtigsten brasilianischen Gegenwartsschriftsteller. Klingt nach einem Märchen.

Luiz Ruffato: Man muss wohl von einer Kombination aus vielen Zufällen und etwas eigener Anstrengung sprechen (lacht). Ich hatte großes Glück, denn es ist im gesamten gesellschaftlichen Gefüge Brasiliens eigentlich unmöglich, dass man sozial aufsteigt.

Umso bemerkenswerter, dass Sie es mit dem Schreiben geschafft haben.

Ruffato: Ich hatte ein Jahr lang die Möglichkeit, eine etwas bessere Schule zu besuchen. Dort verbrachte ich viel Zeit in der Bibliothek. Sie wurde mein Versteck. Ich schämte mich vor den besser gestellten Schülern. Und wurde zum gierigen Leser. Später arbeitete ich als Dreher — und besuchte Journalistikvorlesungen. Mein Interesse an der Realität meines Landes war geweckt. Aber als ich nach São Paulo kam, lebte ich trotzdem lange obdachlos am Busbahnhof.

Ihr Roman „Es waren viele Pferde" ist ein vielstimmiges Porträt São Paulos. Gibt es darin Autobiografisches?

Ruffato: Literatur ist in Brasilien ein Phänomen der Mittelklasse. Geschrieben von der Mittelklasse für Leser der Mittelklasse. Ich wollte Bücher lesen, in denen ich die Protagonisten wiedererkenne, als Figuren, die auch meinem Umfeld entstammen könnten. Allerdings wollte ich den Blick auf dieses „unsichtbare" Brasilien nicht romantisieren, sondern allem jene Widersprüchlichkeit und Komplexität zugestehen, die es auch in der Realität gibt. Natürlich habe ich Eindrücke, aufgeschnappte Sätze und Beobachtungen verarbeitet. Aber Literatur ist kein Journalismus. Es gibt in der Literatur ein Moment der Transzendenz. Sie ist in einer bestimmten Sprache und zu einer bestimmten Zeit geschrieben, aber der Wirkraum kann viel größer sein. Nehmen Sie mein letztes Buch „Ich war in Lissabon und dachte an dich". Ich schrieb es in einer Zeit, als die Flucht von Brasilien nach Portugal kein wirkliches Thema war. Jetzt, wo Brasilien zusehends in eine Wirtschaftskrise schlittert, hat der Text eine ganz andere, tragische Aktualität. Im Fall von „Es waren viele Pferde" habe ich über eine Stadt nachgedacht, die mir noch immer schwer greifbar erscheint. Es wäre vermessen, zu sagen, man könne São Paulo in einer konventionellen Erzählung gerecht werden.

Der Roman besteht aus 69 Fragmenten — und revolutionierte die Literatursprache Ihres Landes. Waren Sie sich dieses Umstandes beim Schreiben bewusst?

Ruffato: Nein. Ich habe ein Buch geschrieben, das ich gerne gelesen hätte. Aber man kann die Entwicklung der Gattung Roman nicht unabhängig von historischen Entwicklungen sehen: Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ist nicht der des 21. Jahrhunderts, da wäre es absurd, im 21. Jahrhundert einen Roman des 19. Jahrhunderts zu schreiben. Auch eine Metropole unserer Zeit kann man kaum so erzählen, wie man es vor 200 Jahren getan hätte.

In Ihrer Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse 2013 haben Sie Ihr Schreiben eine Verpflichtung genannt.

Ruffato: Ich komme aus einem Land der Dritten Welt mit ganz konkreten Problemen. Literatur hat da auch die Aufgabe, jeden Leser, der ja auch ein Bürger ist, dazu anzuregen, sich Gedanken zu machen über die Zeit und die Verhältnisse, in denen er sich bewegt.

Die Rede beschrieb das damalige Gastland Brasilien als von Rassismus und Ressentiments geprägte Nation. Hat sich daran in den letzten Jahren etwas geändert?

Ruffato: Meine Rede war keine Momentaufnahme. Es ging um ein strukturelles Problem. Daran hat sich nichts geändert. Brasilien ist noch immer ein Land, in dem man seinem Nächsten der Rücken zukehrt.

Inwiefern?

Ruffato: Laut einer aktuellen Studie sind 21 der 50 gewalttätigsten Städte der Welt in Brasilien. Oder nehmen Sie die Zika-Epidemie: Es scheint offensichtlich, dass die zuständigen Behörden einiges hätten verhindern können, wenn rechtzeitig reagiert worden wäre. Ein anderes Beispiel: die Bildungssituation oder die Einkommensverteilung. Auch darauf wollte ich in Frankfurt hinweisen.

Brasilianische Intellektuelle haben Ihre Rede scharf kritisiert.

Ruffato: Das hat mich überrascht. Ich habe keine persönlichen Eindrücke präsentiert, sondern nachweisbare Daten und Fakten. Getroffen hat mich der Vorwurf, eine Buchmesse sei nicht der richtige Ort für diese Diskussion. Wo hätten wir sie denn führen sollen? Auf einer Landwirtschaftsmesse?

Im Vorfeld der WM 2014 gingen Tausende sozial Benachteiligte auf die Straße. Jetzt steht mit den Olympischen Spielen ein weiteres Großereignis an. Rechnen Sie mit ähnlichen Protesten?

Ruffato: Die Situation lässt sich schwer vergleichen. Als es die Proteste vor der WM gab, wurde ich gefragt, was denn bei uns los sei. Ich sagte: nichts. Die Menschen gingen auf die Straße, aber es gab ebenso viele Forderungen wie Demonstranten. Als die Menschen merkten, wie zersplittert ihre Standpunkte waren, gingen sie nach Hause. Aber damals gab es zwölf Austragungsstätten — und im Vergleich zu heute ungleich größeres Interesse. Olympia findet in Rio de Janeiro statt. Dafür interessiert sich der Rest des Landes kaum.

Das Gespräch führte Joachim Leitner