Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.05.2016


Literatur

Die Realität und ihre Spiegelungen

Die 39. Innsbrucker Wochenendgespräche widmen sich vom 19. bis 21. Mai der Kriminalliteratur. Anmerkungen zu einem Streitthema.

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© Eva RossmannFoto: Böhm



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Als Genre ist der Kriminalroman dem realistischen Erzählen verpflichtet. Was – ohne jetzt ein literaturtheoretisches Fass ohne Boden öffnen zu wollen – nicht notgedrungen heißen muss, dass die Realität für einen Krimi besonders wichtig ist. Realität und Literatur sind nun einmal zwei sehr verschiedene Dinge. Dass es, um nur ein Beispiel anzuführen, in Tirol 2015 drei Morde gegeben hat, kann dem Verfasser eines x-beliebigen Alpenkrimis herzlich egal sein. Es darf getreu der alten Wurstfachverkäuferregel ruhig ein bisschen mehr sein. Gern auch etwas blutiger.

Trotzdem: Ohne gefestigte Bindung an die Realität lässt sich das Genre kaum denken. Als unterhaltsamste und auch deshalb massentauglichste Spielart klassisch aufklärerischer Prinzipien ist an der „Entzauberung der Welt“ nicht zu rütteln: Wo sich Mysterien durch Mythen, Magie oder Märchen erklären lassen, braucht es keine Detektive.

Am Realen geschulte Wahrscheinlichkeit hingegen ist für die Krimis von untergeordneter Bedeutung: zwölf Verbündete, die in einem Zug einen Ex-Mafioso um die Ecke bringen (Agatha Christies „Mord im Orientexpress“, 1934)? Ich bitte Sie!

Vielmehr gilt nach wie vor das Diktum Sherlock Holmes’: „Wenn man das Unmögliche ausschließt, muss das, was übrig bleibt, egal wie unwahrscheinlich, die Wahrheit sein.“

Wie gesagt: Hat man sich von mörderischen Geistern und todbringenden Flüchen, dem Unmöglichen also, verabschiedet, darf selbst ein tobender Affe als Täter präsentiert werden (Edgar Allen Poe: „Doppelmord in der Rue Morgue“, 1841).

Zugegeben: Die angeführten Beispiele sind nicht die frischesten. Natürlich hat sich das Genre entwickelt. „Whodunnit“, das heißt heutzutage: intertextuelle Ironiegefahr, bei Umberto Eco oder Gilbert Adair zum Beispiel. Oder: Achtung, Regionalkrimi! Über diese für Verfasser wie Verlage ungemein einträgliche Melange aus Mörderhatz und Postkartenklischee sollten allerdings nur wenige Worte verloren werden. Zu leichtgewichtig, ja einfältig kommt das Gros der Vertreter daher. Nur so viel also: Auch hinter malerischen Kulissen werden böse Spiele gespielt. Keine neue, aber eine – gerade hierzulande – nicht unwichtige Einsicht.

Spätestens mit Friedrich Dürrenmatt, der sich in den 1950er-Jahren dem Genre zuwandte, war Schluss mit der einvernehmlichen Enttarnung eines Täters. Kriminalliteratur wurde zunehmend zum Vorwand, andere Fragen zu verhandeln: Heiligt der Zweck die Mittel? Wie böse darf ein Guter sein? Und: Hat Recht tatsächlich etwas mit Gerechtigkeit zu tun?

Wobei, waren nicht schon die Ermittler von Raymond Chandler und Dashiell Hammett verkappte Existenzialisten mit Hut und hochgeschlagenem Kragen, die ganz genau wussten, dass sie bestenfalls eine Schlacht, aber nie den ganzen Krieg gewinnen können? Hammett, der bereits Ende der 1920er-Jahre erste „hard boiled novels“ schrieb, war einst selbst Detektiv. George Simenon (Maigret) eine Zeit lang Polizeireporter, Agatha Christie erlernte das Giftmischen als Krankenschwester. Will heißen: Sie wussten, wo­rüber sie schrieben. Womit wir wieder bei der Kriminalliteratur als realistische Erzählung wären: Ernstzunehmende oder, wenn man so will, seriöse Kriminalautorinnen und -autoren dieser Tage beweisen sich als gewissenhafte Rechercheure ihrer Themen. Nicht aus Mangel an Fantasie, sondern um ihre Imaginationskraft zu erden.

Selbst wenn Kolportage mit Krawumm für Oberflächenspannung sorgt, relevant werden die Texte, indem sie das Brodeln unter dieser Oberfläche in den Blick nehmen. Dann spiegeln sich dringliche Zeitthemen in kurzweiligen Plots. Wenn etwa Merle Kröger – die bei den anstehenden Innsbrucker Wochenendgesprächen zu Gast ist – in „Havarie“ (2015) dokumentarisches Material über das Thema Flucht zum kammerspielartigen Kaleidoskop verdichtet, ist das, ja, brillante Kriminalliteratur, aber eben auch packendes Zeitbild, das es versteht, Fakten in Erfahrungen zu übersetzen. Gleiches gilt für Oliver Bottini. Dessen Balkankrieg-Buch „Der kalte Traum“ zum Beispiel nützt das Genre als Präzisionswerkzeug zur historisch-politischen Gesellschaftsanalyse. Und unterhält damit großartig.


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