Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.07.2016


1944-2016

Aus dem Gleichgewicht: Zum Tod von Autor Markus Werner

„Sicherheit ist das Kennzeichen des Tölpels“: zum Tode des Schweizer Erzählers Markus Werner.

© Selwyn HoffmannDie Bühnenfassung von Markus Werners Roman „Froschnacht“ wurde 1998 im Innsbrucker Bierstindl uraufgeführt.Foto: Selwyn Hoffmann



Schaffhausen – Vor schreibenden Lehrern wird gern gewarnt. Zu bemüht, zu beflissen seien deren Texte. Bis 1990 war Markus Werner, geboren 1944 in Eschlikon im Schweizer Kanton Thurgau, Gymnasiallehrer in Schaffhausen. Und bereits wenige Sätze aus Werners Romandebüt „Zündels Abgang“ (1984) reichen, um jeden Spötter Lügen zu strafen. Makellos ist diese Prosa, musikalisch, elegant, schockierend präzise, ungeheuer komisch, bisweilen zart zürnend. Schlicht und ergreifend: schön.

In „Zündels Abgang“ sucht einer, bezeichnenderweise ein Lehrer mit Hang zum philosophischen Pathos, seinen Platz in einer reichlich kühlen, zweckorientierten Welt – und verliert darüber den Verstand. „Zum Warmwerden lag allem Anschein nach keine Ursache vor.“ Diesen Satz seines Landsmannes Robert Walser stellt Markus Werner nicht nur seinem Erstling, den er in fünf Jahren „verstohlener Schreibarbeit“ zu Papier brachte, sondern gewissermaßen seinem – schmalen – Gesamtwerk voran. Sieben Bücher hat der zurückgezogen lebende Autor bis 2004 veröffentlicht. Das letzte, „Am Hang“, wurde 2013 von Markus Imboden fürs Kino verfilmt.

In allen Büchern Werners geht es letztlich um die Seltsamkeiten des auf den ersten Blick Selbstverständlichen: Leben als Anbalancieren gegen eine permanente Gleichgewichtsstörung. „Sicherheit ist das Kennzeichen des Tölpels“, heißt es in „Die kalte Schulter“, Markus Werners drittem Roman, der 1989 erschien.

Zwischen seinem Debütroman und „Die kalte Schulter“ veröffentlichte Werner 1985 „Froschnacht“, einen bitterbösen Vater-Sohn-Text, der wohl nicht von ungefähr an Thomas Bernhard erinnert. „Froschnacht“ führte den Schriftsteller Ende der 1990er-Jahre auch nach Tirol: 1998 wurde eine Bearbeitung des Textes in Innsbruck uraufgeführt. Elmar Drexel inszenierte, Johann Nikolussi polterte über die Bühne des alten Bierstindl. Markus Werner, erinnert sich Robert Renk, damals Leiter des Kulturzen­trums, sei von der Produktion „sehr angetan“ gewesen.

Wie der S. Fischer Verlag am Montag bestätigte, ist Markus Werner am Sonntag nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Er wurde 71 Jahre alt. (jole)