Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.07.2016


Neuerscheinungen

„Ich bin noch nicht fertig“

Die neuen Bücher von Stewart O’Nan und Emily Walton beschäftigen sich mit dem Scheitern des großen amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald.

© picturedesk.comF. Scott Fitzgerald schrieb mit "Der große Gatsby" einen Klassiker der US-Literatur.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Es wirkt wie von langer Hand geplant – und ist doch vielsagender Zufall: Gleich zwei Neuerscheinungen beschäftigen sich dieser Tage mit dem US-amerikanischen Schriftsteller F. Scott Fitzgerald. Die eine, Emily Watsons knappe Erzählung „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“, zeichnet Episoden aus den frühen Jahren des Autors nach. Die andere, Stewart O’Nans ungleich umfangreicherer Künstlerroman „Westlich des Sunset“, widmet sich den letzten drei Lebensjahren des Frühverstorbenen. Zusammen also ergibt sich ein beinahe vollständiges Bild von Fitzgeralds kurzer Karriere. Gemein ist beiden Texten neben manchen Überschneidungen im Personal (die hassgeliebten Weggefährten Hemingway und Dorothy Parker zum Beispiel) außerdem das zentrale Thema: Es geht um’s Scheitern. Um das also, was Fitzgerald selbst in einer 1936 im Esquire veröffentlichten Erzählung seinen „Crack-Up“, seinen „Zusammenbruch“, nannte.

Die in Oxford geborene und in Wien lebende Walton schildert den Weg in den „Crack-Up“. Fitzgerald, seine Frau Zelda und Töchterchen Scottie ziehen im Frühjahr 1926, die Broadwayadaption des „Großen Gatsby“ sorgt für temporäre Schuldenfreiheit, in das südfranzösische Strandbad Juan-les-Pins. Die Hoffnung, dort sein nächstes Buch fertigzustellen, ersäuft in Champagner und ungleich Hochprozentigerem. Der Roman „Zärtlich ist die Nacht“ wird erst 1934 fertig – und nicht der erhoffte Erfolg.

O’Nan, der sich bislang als präziser Beobachter der schwindenden amerikanischen Mittelschicht („Engel im Schnee“, „Ganz alltägliche Leute“) hervorgetan hat, erzählt in „Westlich des Sunset“ vom Versuch Fitzgeralds, als Lohnschreiber in Hollywood wieder zurück in die Spur zu finden. 1937 kommt der vom Suff gezeichnete Autor in der Traumfabrik an. Es ist bereits sein dritter Versuch, im Filmbusiness Fuß zu fassen. Zelda, einst It-Girl der „Roaring Twenties“, sitzt nach mehreren Zusammenbrüchen in eine sündteuren Privatklinik. Scottie ist im Internat. Seinen Frust bekämpft der einst gefeierte Autor mit autogenem Training. „Ich bin noch nicht fertig“, sagt er sich, akzeptiert die Demütigungen der Filmproduzenten, die ihn schlechte Geschichten in noch schlechtere Drehbücher umschreiben lassen, verzichtet auf Drinks und Tabletten – und verliebt sich in die junge Klatschreporterin Sheilah Graham, die in ihren Kolumnen unzeitgemäße Großspurigkeit schon mal als „passé wie Scott-Fitzgerald-Figuren“ beschreibt.

Großes Glück ist Fitzgerald aber nicht beschieden: Schulden und Schuldgefühle Zelda gegenüber, die er regelmäßig besucht, lassen sich nicht ignorieren. Letztlich macht das Herz nicht mehr mit. Am 21. Dezember 1940 stirbt Francis Scott Fitzgerald. Gerade 44 Jahre alt – und fest davon überzeugt, als Mensch und als Autor versagt zu haben.

Wie Stewart O’Nan Fitzgeralds Streben, sich und die Welt in den Griff zu kriegen, beschreibt, ist beeindruckend. Der gehobene Hollywood-Klatsch, der durch den Roman geistert, hingegen bleibt Staffage: Premieren, Partys, Hemingway in Feinripp, „Bogie“ am Pool und Fitzgerald, der sich verbissen bemüht, eben keine Fitzgerald-Figur zu sein. Sauber recherchierte Anekdoten, durch Briefwechsel-Editionen und diverse Erinnerungsbücher vielfach belegt. Wirklich lebendig aber werden die namhaften Figuren nicht. Vielmehr liefern sie Material für den nächsten „Wusstest du eigentlich, dass“-Smalltalk. Auch Emily Waltons „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“ – das unterstreicht wohl schon der Titel – taugt zur Wiederbelebung stockender Konversation.

Aber die elegant essayistische Schilderung vermag noch viel mehr. Beschworen wird hier nicht nur eine beinahe mythische Künstlerfigur, sondern die ganze mondäne Verwahrlosung der erwachsen gewordenen „Lost Generation“.

Eines allerdings beweisen beide Bücher: Gertrude Stein hatte Recht. Die zeigte sich bereits in den 1920er-Jahren davon überzeugt, dass von Fitzgerald noch geredet werden wird, wenn die Namen seiner Zeitgenossen längst vergessen sind. Dass Fitzgeralds Werk, dessen Format erst nach seinem Tod gefeiert wurde, alles Gerede über den Autor überstrahlt, ist allerdings eine andere Geschichte.

Roman Stewart O’Nan: Westlich des Sunset. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt, 413 Seiten, 20,60 Euro. Erzählung Emily Walton: Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte. Braumüller, 167 Seiten, 19,90 Euro.