Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.07.2016


Literatur

Die Qual der Bilder

„Die Torturen dauerhafter Wiederbelebung“: In Sabine Grubers neuem Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ sucht ein Kriegsfotograf nach Halt und Haltung.

© Karl-Heinz StröhleSabine Gruber wurde kürzlich der mit 15.000 Euro dotierte Österreichische Kunstpreis für Literatur zugesprochen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Mensch kann dem Menschen zum Monster werden. So könnte man Susan Sontags 2003 erschienen Essay „Das Leiden anderer betrachten“, der über die Wirkkraft der Kriegsfotografie nachdachte, zusammenfassen. Die Schreckensbilder von den Schlachtfeldern sollen die, die hinschauen, daran erinnern.

Bilder, so die 2004 verstorbene Essayistin, taugen allerdings nur dann zum mahnenden „Erinnerungsträger“, wenn sie durch Erzählungen in einen Kontext gebettet werden. Sonst droht, was Sigmund Freud einst als „Mitleidsschwärmerei“ umschrieb: selbstgefälliges Beweinen der Verdammten dieser Erde.

Die Umstände, unter denen die Leidensbilder entstanden sind, interessierten Sontag weniger. Und was es für die Bildberichterstatter bedeutet, angesichts des Monströsen auf den Auslöser zu drücken, gar nicht. Die Erzählungen davon – könnte man sagen – hat Sontag anderen Autorinnen und Autoren überlassen.

In ihrem neuen, dieser Tage erscheinenden Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ersinnt die in Südtirol geborene und seit Jahren in Wien lebende Schriftstellerin Sabine Gruber einen solchen Kriegsfotografen. Bruno Daldossi ist ein Haudegen, einer, der bei vielen der großen Konflikte der jüngeren Geschichte – Sudan, Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan, Irak – vor Ort, das heißt bedrohlich nahe am Geschehen war und der alles an Abseitigem Denkbare gesehen und vieles davon auf Film gebannt hat.

Zum abgebrühten Zyniker ist er deswegen nicht geworden – auch wenn ihm mancher Kollege „Effektha­scherei“ und durchaus einträgliche „Arrangements“ vorwirft, schließlich schafften es Daldossis Bilder nicht nur auf Titelseiten, sondern auch in gefragte Galerien. Vielmehr hat Daldossi seine Empathie und den „integren Moralismus“, der seine Anfangsjahre prägte, ins professionell Distanzierte domestiziert. Und wurde darüber zum Trinker, den das, was er gesehen hat, als „Torturen dauerhafter Wiederbelebung“ verfolgt – und der sich in die Betäubung, ins „Graurauschen“ und in „innere Dämmerung“ flüchtet. Auch wenn die Diagnose nie ausgesprochen wird, eine posttraumatische Belastungsstörung scheint mehr als wahrscheinlich.

Halt fand Daldossi lange bei Marlis, die in der gemeinsamen Wiener Wohnung ausharrte, sich um ihn gesorgt, ihm Eskapaden und Affären verziehen hatte. Jetzt, wo sein Draufgängertum zusehends schwindet, der Finger am Auslöser zögert und „seine Bilder immer häufiger ohne Kamera“ entstehen, ist Marlis, der Demütigungen überdrüssig, weg. Auf und davon. Nach Venedig. Mit einem anderen Mann.

Daldossi will sie zurückgewinnen. Irgendwie. Und landet doch woanders. Auf Lampedusa. In einer ganz gegenwärtigen Hölle also, die bereits vor Jahren zum Synonym geworden ist für Europas Versagen im Umgang mit Schutzsuchenden. Auch hier soll Daldossi fotografieren, sich ein Bild machen – und damit Zeugnis ablegen. Doch gibt es unschuldige Bilder? Und was passiert mit den Bildern, die nicht nur Leid zeigen, sondern beim Betrachter auch Ängste schüren können?

Auch um diese Fragen, die in einer Zeit großen Misstrauens gegen mediale Mechanismen von besonderer Bedeutung sind, kreist Sabine Grubers Roman, ohne deshalb zum leblosen Ideenroman zu werden. Es geht um die Haltung und die Verantwortung des vermeintlich neutralen Beobachters.

Wobei Gruber Susan Sontags Überlegungen zur Kriegsfotografie insofern ins Praktische übersetzt, als sie der Lampedusa-Episode eine in ihrer distanzierten Sachlichkeit bedrückende Schilderung eines havarierenden Flüchtlingsbootes vorausschickt. Und damit das nachbildet, was Bilder eines solchen Unglücks kaum erzählen können: das existenzielle Grauen wird nicht nur anschaulich gemacht, sondern plastisch ausgestaltet und somit erfühlbar – ohne ins Sensationslüsterne oder plump Sentimentale zu kippen. „Mitleidsschwärmerei“ also erlaubt „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ nicht.

Die Welt oder – genauer gesagt – Bilder dieser Welt allerdings sieht man nach der Lektüre dieses umfassend recherchierten, klug komponierten und atmosphärisch dichten Romans mit anderen Augen. Wobei „mit anderen Augen sehen“ eine jener verbrauchten Floskeln ist, die sich eine sprachlich so gewissenhaft genaue Autorin wie Sabine Gruber nie erlauben würde. Legen wir also gleich eine Floskel nach: „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ist nicht nur ein gutes, sondern ein wichtiges Buch.

Roman Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. C. H. Beck, 315 Seiten, 22.60 Euro.