Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.08.2016


Literatur

Beinahe wie im Orientexpress

Thomas Raab schickt seinen Metzger durch den mörderischen Literaturbetrieb.

© Simone Heher-RaabThomas Raab hat mit seinem Willibald Adrian Metzger einen ebenso liebenswürdigen wie erfolgreichen Nebenerwerbsermittler geschaffen.Foto: Heher-Raab



Von Christian J. Winder

Innsbruck – Wir kennen ihn ja jetzt schon eine gute Zeit, den Willibald Adrian Metzger. Der gelernte Restaurator schätzt gutes Essen ebenso wie einen guten Roten, über alles allerdings stellt er seine Danjela – und die Stabilität der Verhältnisse. Gerade die gerät nun ins Wanken. Es tut sich zu viel im Umfeld des Metzgers. Jedenfalls zu viel auf einmal. Julia und ihre Mutter ziehen vielleicht bald aus, weil ein neuer „Papa“ ins Leben dringt; Chefinspektorin Irene Moritz lässt sich aufs Land versetzen. Und dann wird ein Anschlag auf einen gefürchteten Literaturkritiker verübt: Ein Lieferwagen des Wurstkaisers Woplatek rast auf ihn zu, als er gerade am Würstlstand des Konkurrenten Zwaodnik steht. Galt der Angriff ihm – oder doch dem Wurst-Rivalen? Das allein­e wäre ja noch nichts, aber als der Wurstkaiser in seinem Schlachthaus aufgehängt und erschossen aufgefunden wird, kann der Metzger sich nicht zurückhalten. Er kennt Woplateks Sohn von früher. Dieser Hansi allerdings ist nicht in die Fleischer-Fußstapfen des Vaters getreten, sonder hat sich der brotlosen Schriftstellerei verschrieben.

Und hier fängt die Geschicht­e an, kompliziert zu werden: Der Hansi – Künstlername Iwan Ketalpow – ignoriert den Metzger beim ersten Wiedersehen nach Jahren. Keine Reaktion. Als wäre der Metzger ein Wildfremder. Obwohl klar ist, dass man Willibald nicht vergisst, wenn man ihn einmal kennen gelernt hat.

Das Setting liefert Thomas Raab wunderbaren Spielraum, um die Untiefen familiärer Grausamkeiten auszuloten und – leichten Fingerübungen gleich – dem Literaturbetrieb den Spiegel vorzuhalten.

In der Erzählung spielt Raab mit dem Buch im Buch, verwebt die in Ketalpows „Egons Schatten“ erzählte Erzählung mit dem Geschehen drumherum; und er zitiert sich durch die Kriminalliteratur­geschichte: Dieser „Metzger“ hätte genaus­o gut im altehrwürdigen Orientexpress angesiedelt werden können.

Besondere Freude allerdings macht, dass Raab seinem Metzger eine Entwicklung zugesteht. Nicht nur die Welt, in der er sich eingerichtet hat, verändert sich, sondern auch der Protagonist macht eine Wandlung durch. Vielleicht folgt er ja sogar dem wohl­meinenden Ratschlag seiner Danjela und fängt an, ein bisschen gesünder zu leben.

Krimi Thomas Raab: Der Metzger. Droemer, 336 Seiten, 20,60 Euro.