Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 22.08.2016


Exklusiv

Streeruwitz im Interview: “Kein Verständnis für Rassismus“

Marlene Streeruwitz im Gespräch über ihren Fortsetzungsroman zur Bundespräsidentschaftswahl und die Debatte über ein Burka-Verbot.

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© APA/GEORG HOCHMUTH



Innsbruck — Es gehe um die „Entscheidung für oder gegen Demokratie" schickt Marlene Streeruwitz dem Online-Roman „So wird das Leben" auf ihrer Homepage voraus. Jeden Donnerstag bis zur Bundespräsidentenwahl am 2. Oktober veröffentlicht die österreichische Autorin eine neue Folge. Es ist nach 2006 und 2008 das dritte Mal, dass sich Streeruwitz, Unterzeichnerin eines Appells gegen die Wahl von Norbert Hofer, mit einem „Wahlkampfroman" in die aktuellen politischen Geschehnisse einschaltet.

„So wird das Leben": Das klingt wie eine Warnung. Ist Ihr „Wahlkampfroman" als solche gemeint?

Marlene Streeruwitz: Warnung würde ich nicht sagen. Das hat ja immer diesen Aspekt von Besserwissen und Bedrohung. Und ich glaube, Angst müssen wir jetzt nicht noch weiter einspeisen, die ist ja ohnehin vorhanden. Nein, es geht darum, all die Details und den Überblick, den ich mir erarbeitet habe, einfach auf das Leben umzulegen. Zu schauen, was heißt das jetzt auf der Seite 264 im FPÖ-Programm, wo das über die Autochtonie steht. Was heißt das, wenn jemand sagt, nur Österreicher, die in der dritten Generation hier leben, haben einen Zugang zur Sozialversicherung und alle anderen nicht? Ich finde es ein bisschen erstaunlich, dass sich eigentlich niemand Gedanken macht, was das soll. Und welches Leben wir führen wollen.

Ein Roman kann erklären, was das alles heißt?

Streeruwitz: Deuten. Erklären kann ich gar nichts. Erklären könnten uns nur die Politiker, was sie da wollen. Das tun sie aber nicht richtig. Und deswegen gehe ich dem in der Erzählung nach, versuche nachzuvollziehen, was es bedeutet.

Was schon in den ersten Folgen auffällt, ist eine starke Verrohung im Zwischenmenschlichen.

Streeruwitz: Das ist ja auch das, was wir erleben, wenn wir zu Wahlveranstaltungen gehen. Da muss ich nicht nach Amerika fahren, um mir Trump anzuhören. Die Form, wie über „die anderen" gesprochen wird, hat jede Fasson verloren.

Jede Folge des Romans ist Frauen gewidmet, die in Kriegsgebieten oder repressiven Gesellschaften zu Opfern geworden sind. Warum?

Streeruwitz: Ich möchte daran erinnern, was für fürchterliche Schicksale es gibt. Und dass wir die Verpflichtung haben, das, was wir hier an Positivem haben, wie zum Beispiel eine — na ja, vielleicht nicht lebendige —, aber doch immerhin funktionierende Demokratie, zu erhalten. Und dass da jeder eine Verantwortung hat. Die FPÖ will keine freie Frau, sondern eine, die sich nur durch ihr Kindhaben definiert. Das ist so, das steht in den Programmen. Und da müssen sich die Frauen schon genau überlegen, was sie wollen.

Was sagen Sie zur Diskussion über ein Burka-Verbot?

Streeruwitz: Ich finde, dass wir nicht das Recht haben, irgendjemandem vorzuschreiben, was angezogen werden muss. Es ist ein Grundrecht, anzuziehen, was man oder frau will, und wenn man hier anfängt, Einschränkungen zu machen, heißt das auch, dass das auf die eigenen Leute ausgedehnt werden kann.

Andererseits werden Frauen in vielen Gesellschaften zur Vollverschleierung gezwungen.

Streeruwitz: Natürlich finde ich das auch nicht richtig und ich würde jeder Person helfen, da rauszukommen. Aber darum geht es doch! Und nicht darum, es zu verbieten und zu entschleiern. Ich weiß nicht, ob das für die Frauen so toll ist, wenn das erzwungen wird. Und ich glaube nicht, dass hinter der aktuellen Diskussion der Gedanke an Hilfe versteckt ist. Es ist Kolonialismus! Wenn eine Frau sich dafür entscheidet und das trägt, dann muss man ihr das lassen. Und wir können und sollten anderen helfen, aus dieser Burka herauszukommen. Aber wir können nicht sagen, zieht das jetzt aus und zieht ein Dirndl an und zeigt euren Busen her.

Ihr Schriftstellerkollege Thomas Glavinic hat vor der letzten Wahl dazu aufgerufen, den Wählern von Norbert Hofer mit Respekt zu begegnen.

Streeruwitz: Das hat er nicht gesagt. Er hat nicht gesagt, wir sollen sie respektieren, sondern wir sollen sie verstehen. Und da muss ich sagen, dass ich für Rassismus kein Verständnis haben möchte. Denn es geht ja zum großen Teil um Personen, die informiert sind, die wissen, was da passiert. Es sind also bewusste Entscheidungen von Personen, sich in diesen Rassismus zu begeben, sich dazu ermächtigen zu lassen: Jetzt sag ich's auch. Rassismus ist aber auch die fehlende Arbeit an sich selbst und an der Gesellschaft. Aber Gesellschaft ist immer auch Arbeit, so funktioniert Demokratie, da hat jeder eine Verantwortung.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic