Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.08.2016


Bildband

Das Model als Muse und Seelenfängerin

Ein neuer Bildband zeigt Fotografien von Helmut Newtons Ehefrau. „Alice Springs“ versammelt Porträts von Prominenten und Punks.

Der Bildband „Alice Springs. The Paris MEP Show“ gibt unter anderem Einblick in die 80er-Jahre Punkszene von Los Angeles.

© TaschenDer Bildband „Alice Springs. The Paris MEP Show“ gibt unter anderem Einblick in die 80er-Jahre Punkszene von Los Angeles.



Innsbruck – Mit der Kunstmonografie „Sumo“, die als teuerstes Buch des 20. Jahrhunderts gilt, wurde dem Werk des 2004 verstorbenen Fotografen Helmut Newton ein eindrückliches Denkmal gesetzt. Seine Ehefrau June Newton hatte 2009 eine erschwingliche Jubiläumsausgabe he­rausgegeben, ein Band, der für die kluge Bildauswahl gelobt wurde. 60 Jahre lang stand sie als Herausgeberin, Verlegerin und Kuratorin dem wohl einflussreichsten und umstrittensten Fotografen des 20. Jahrhunderts zur Seite. Einige seiner interessantesten Por­träts hat der aus Deutschland stammende Künstler indes von seiner Frau gemacht. Das australische Model, dessen Schauspielkarriere gerade ins Laufen gekommen war, hatte sich in Newtons Melbourner Studio in seine Arbeiten verliebt. 1948 wurde geheiratet, „Mrs. Newton“, der ein gleichnamiger Bildband gewidmet ist, war aber nicht nur Muse und künstlerische Beraterin. Ab den 1970er-Jahren trat sie selbst als Fotografin in Erscheinung, unter dem Pseudonym Alice Springs sollte sie 1978 ihre erste Einzelausstellung geben. Dabei war sie nur kurzfristig für ihren an einer Grippe erkrankten Gatten eingesprungen. Anzeigenkampagnen und Magazinarbeiten sollten auf die erste Zigarettenwerbung folgen, mit ihren ungekünstelten Porträtfotografien sorgte sie für Furore.

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Im Gegensatz zu ihrem Mann war Alice Springs an der Seele ihres Gegenübers interessiert, in ihren unmittelbaren, ungestellten Bildern ist viel Platz für das Charisma der Gezeigten. „Eine absolute Arglosigkeit“ zeichne ihre Arbeiten aus, wird Helmut Newton im Vorwort des nun erschienenen Bildbandes „Alice Springs“ zitiert. Das Einfühlungsvermögen einer Schauspielerin spricht aus den Fotografien, ihr Mann sei auf ihr Porträt von Autor Graham Greene eifersüchtig gewesen, verriet die heute 93-Jährige in einem Interview. Auch ein Farbporträt des Schriftstellers findet sich im Bildband, zudem sehr persönliche Aufnahmen von Helmut Newton. Der hier versammelten Hollywood-Prominenz wird mit der LA-Punkszene der 1980er-Jahre indes ein erfrischend ungezügelter Gegenpart entgegengesetzt. Eine Szene, die auf Alice Springs’ Bildern ungemein lebendig wirkt. (sire)