Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.10.2016


Literatur

Du hast keine Chance,

also nütze sie!

Wenn der Autor Thomas Melle über seine bipolare Störung schreibt, ist das Brutalität. Die Fallhöhe wird dabei zu einem Unwort.

Thomas Melle arbeitet sich an seiner bipolaren Störung ab.

© Dagmar MorathThomas Melle arbeitet sich an seiner bipolaren Störung ab.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Sie gehört zu den eindrücklichsten Szenen aus dem US-Film „Mister Jones“ (1993), wenn Richard Gere als Manisch-Depressiver durch die Straßen groovt. Angepeitscht durch James Browns Song „I Feel Good“. Doch während man sich dabei ertappt zu denken, dass es cool sein müsste, ohne bewusstseinserweiternde Substanzen so gut drauf zu sein, folgt schon der Aufschlag in der Depression. Der deutsche Autor Thomas Melle, der auch viel für das Theater schreibt, weiß um die Bedeutung der Fallhöhe für die Dramatik eines Stücks. Er weiß es allzu gut, denn auch er ist manisch-depressiv oder bipolar. Immer wieder ließ er Versatzstücke seines Leidens in seine Werke einfließen, nun rechnet er in der Autobiografie „Die Welt im Rücken“ mit seiner Krankheit ab. Das ist fordernd für den Leser, aber bereichernd.

Denn Melle findet Worte für diese Hölle: Er beschreibt das Spannungsfeld zwischen Höhenflug und bodenlosem Absturz, das Neuronengewitter, das dem Kranken zuerst vorgaukelt, ein Erlöser im Ausmaß eines Jesus Christus zu sein, während er später in der Depression nicht einmal mehr zum Schatten eines Hundes taugt. Melle berichtet schonungslos aus der Zeit seiner Höhenflüge, teilweise gibt er Notizen wieder, die er im Wahn verfasst hat. Er entblößt sein Tun, soweit er sich überhaupt daran erinnern kann. Selbst der Humor kann ihn nicht retten. Es wäre ein Leichtes, im Rückblick dem Wahn, wonach er Sex mit Madonna hatte, etwas Befriedigendes oder zumindest Groteskes abzuringen. Aber Melle mag nicht, er lehnt es ab, ein Micky-Maus-Pflaster auf eine klaffende Wunde zu kleben. Er zeigt hin, er sagt: „Ich hab nicht nur einen Kratzer, es tut saumäßig weh.“ Er nimmt der Krankheit die Aura des „Leidens, das vor allem Genies trifft“. Melle spricht Klartext: Unbehandelt ist MDK tödlicher als Krebs. Der Leser muss mit, atemlos durch die Manie, dann zäh, als würde man durch knietiefen Morast stapfen – willkommen in der Depression.

Nur selten lässt der Deutsche Ironie anklingen, wenn er etwa sagt, dass er für seine Krankheit ein Jahresticket gelöst habe. Seine Schübe also 365 Tage dauern, mal oben, mal unten. Melle gönnt dem Leser auch keine Pause, die Krankheit wird nicht durch die Schilderung stabiler Phasen durchbrochen. Der 41-Jährige macht klar, dass dort, wo die Manie hinfällt, kein Gras mehr wächst. In Zeiten, in denen es modern ist, sich alle paar Jahre neu zu erfinden, die Selbstoptimierung beständig voranzutreiben, ist der bipolar Erkrankte gezwungen, sich nach einer Phase wieder Stück für Stück zusammenzukleben – und seine Welt noch dazu. Erst auf den letzten 20 Seiten lässt Melle so etwas wie Hoffnung zu. Er nimmt Bezug auf viele Leidensgenossen, die wohl nicht zufällig künstlerisch tätig sind. Wirft man einen Blick nach Hollywood, gewinnt man ohnehin den Eindruck, dass MDK am Anfang nahezu einer jeden großen Karriere steht. Laut Melle gibt es auch Forschungen, wonach ein komplettes Besiegen von MDK fatale Auswirkungen auf das kreative Potenzial einer Gesellschaft hätte. Aber Melle will dem Zusammenhang von Kreativität und Wahnsinn nicht zu viel Bedeutung zumessen.

Seine fatalistische Einstellung deckt sich am ehesten mit einem Spruch, der auf dem Kissen meiner Oma eingestickt war: „Manchmal wollt ich schon verzagen und ich dacht’, ich trüg es nie, und ich hab es doch getragen, aber fragt mich nur nicht wie.“ Vielleicht ist Melle eben doch einer dieser hoffnungslosen Optimisten, die wissen, dass sie keine Chance haben, und sie doch nützen. In einem Interview sagte der Anwärter auf den Deutschen Buchpreis unlängst, er möchte nach all dem Unglück, das er beschrieben hat, versuchen, ein Schriftsteller des Glücks zu werden. Hand drauf!

Autobiografie Thomas Melle: Die Welt im Rücken. Rowohlt Berlin, 348 Seiten, 19,95 Euro.