Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.03.2017


Literatur

Ein Hund namens „Happy“

Ein differenzierter, ehrlicher Blick auf komplexe Themen: In einem Reportage-Comic werden Krieg und Journalismus verhandelt.

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© Reprodukt



Von Silvana Resch

Innsbruck – Fast sieben Jahre ist es her, dass der Krieg in Syrien ausgebrochen ist, wobei Krieg freilich nicht einfach so ausbricht. Die Ursachen und Hintergründe geraten in der Flut an Schreckensmeldungen schnell in den Hintergrund. Noch schwieriger ist es nachzuvollziehen, was Krieg für den Einzelnen bedeutet. „Wir lesen seit sieben Jahren viel über den Krieg, aber wie oft hat man in der Zeit von jemandem gehört, wie der Krieg seine Familie zerstört hat?“ – diese Frage stellt die Journalistin Sarah Stuteville vom Non-Profit-Journalisten-Team The Seattle Globalist in dem viel beachteten Graphic Novel „Im Schatten des Krieges“.

Die US-Comic-Künstlerin Sarah Glidden hat dafür ihre ehemalige Studienkollegin Stuteville auf Reportage-Reise in den Nahen Osten begleitet. Sieben Jahre ist es her, dass die beiden Frauen, ein weiterer Globalist-Journalist und ein ehemalige US-Soldat, ein Jugendfreund Stutevilles, gemeinsam durch Syrien, den Irak und die Türkei gereist sind. Damals, 2010, lebten rund eine Million geflüchteter Iraker in Syrien, seit 2011 mussten laut UNHCR rund 4,9 Millionen Syrer selbst ihr Land verlassen.

Das ebenso ambitionierte wie idealistische Ziel der Journalisten damals: Von den verheerenden Folgen des Irak­krieges zu berichten, Geschichten zu erzählen, wie sie in US-Mainstreammedien keinen Platz finden. Denn es waren vorrangig „Embedded Journalists“, also Journalisten, die unter Aufsicht des US-Militärs stehen, die das öffentliche Bild des Irakkrieges im Westen prägten. Zentral für die Comic-Autorin ist dabei die Frage, was Journalismus eigentlich ist. „Alles, was informativ, überprüfbar, verantwortungsbewusst und unabhängig ist“, das ist eine Definition, wie sie Sarah Stuteville gefällt. Im Laufe des Buches wird sie noch oft mit ihrem Beruf hadern, mit dem nötigen „Marketing, der Kehrseite ihres Jobs“, damit die Artikel und Videos auch Abnehmer finden. Ebenso wie mit der speziellen Verantwortung, die mit diesem Beruf einhergeht. „Kann man überhaupt über das Leben eines Menschen berichten, ohne darin einzugreifen?“, das ist eine der Fragen, die beim Besuch eines Flüchtlingscamps gestellt werden. Und darf oder muss man helfen? Konkret: Soll man einer frierenden Familie Heizmaterial kaufen? Nicht alle Fragen lassen sich so einfach beantworten wie diese.

Die Comic-Autorin fragt sich gleich zu Beginn der Reise, wie sie mit den Geschichten geflüchteter Menschen umgehen soll. Zu Besuch bei einem jungen iranischen Blogger und seiner Frau, die trotz Lebensgefahr ihren Hund „Happy“ nicht zurücklassen wollten, habe sie sich mehrmals auf die Lippen beißen müssen, um „nicht loszuheulen“. Stuteville, die Journalistin, sagt sich: „Das verarbeite ich später, erst mal geht es um die anderen.“

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Viel zu verarbeiten hat auch Dan, der Ex-Marine, der mit den Journalisten reist. Nachdem er im Irak vier seiner Kollegen verloren hat, will er sich seiner Angst stellen und das Land aus einer neuen Perspektive kennen lernen. Seine konträren und auch in sich selbst widersprüchlichen Ansichten sind wichtiger Motor für diesen spannenden und klugen Comic, der nicht nur wertvolle Hintergrundinformationen liefert, sondern in blassen Wasserfarben eine Lebensrealität verhandelt, die so gerne ausgeblendet wird.

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