Letztes Update am Do, 16.03.2017 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Doron Rabinovici:

Einmischen als Bürgerpflicht

Die gegenwärtige Situation kann Boden für gute Geschichten sein. Sagt Autor Doron Rabinovici. Warum er das für nicht wirklich tröstlich hält, erklärt er im TT-Interview.

© Thomas Boehm / TTDoron Rabinovicis neuer Roman „Die Außerirdischen“ erscheint Anfang August im Suhrkamp-Verlag.



Sie zählen seit gut zwei Jahrzehnten zu jenen österreichischen Schriftstellern, die zu politischen Fragen Stellung beziehen und sich öffentlich einmischen. Blöde Frage, warum tun Sie sich das an?

Doron Rabinovici: Ich bin davon überzeugt, dass es die Aufgabe eines Citoyen in einer Demokratie ist, sich einzumischen. Ich bin ja nicht jede Stunde engagiert. Ich beziehe dann Stellung, wenn ich nicht anders kann. Dann äußere ich mich zu politischen Erscheinungen, die mich stören.

Von Hermann Hesse gibt es einen viel zitierten Ausspruch: Politik verlange es, Partei zu ergreifen. Menschlichkeit verbiete das.

Rabinovici: Das sehe ich völlig anders. Es gibt Momente, wo einen die Menschlichkeit dazu zwingt, für jene Partei zu ergreifen, denen menschliche Behandlung verwehrt wird. Ein Intellektueller definiert sich dadurch, dass er kraft der Autorität, die er auf einem bestimmten Gebiet hat, in der bürgerlichen Öffentlichkeit einen Raum zugesprochen bekommt. Diese Möglichkeit muss und soll man nützen.

Täuscht der Eindruck, oder muss dieser Raum derzeit vehementer erkämpft werden als früher?

Rabinovici: Großen Raum für Intellektuelle gab es in Österreich nie. Man könnte sogar sagen: Hier gilt man erst als Intellektueller, wenn man als solcher beschimpft wird. Vergleicht man das Heute mit dem Jahr 2000, als ich im Protest gegen die schwarz-blaue Regierung aktiv war, muss man verschiedene Entwicklungen beachten: Theoretisch sind die Möglichkeiten, sich zu äußern, durch technische Entwicklungen im Internet zum Beispiel größer geworden. Das heißt aber nicht, dass sie größere Beachtung finden. Prominenz ist inzwischen zum Kriterium potenzieller Aufmerksamkeit geworden. Wir erleben derzeit eine Aufweichung von Qualitätskriterien. Gerade im Bereich der Medie­n. Hier könnte man sagen: Österreich wurde globalisiert, die Medienlandschaft anderer Länder aber wurde gewissermaßen austrifizier­t.

Das müssen Sie mir genauer erklären!

Rabinovici: Für Österreich ist es kein Novum, dass die Medienlandschaft von Boulevard und damit von Ressentiment und Populismus beherrscht wird. Darüber konnte man schon in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren klagen. Während es in anderen Ländern legendäre Qualitätsblätter gab, hatten Versuche, in Österreich etwas Ähnliches aufzubauen, mit großen Widerständen zu kämpfen. Die Auswirkungen des sprichwörtlichen Kahlschlags von Faschismus und Nazismus waren gerade im Journalismus lange offensichtlich. Inzwischen gibt es in viele­n Ländern Medien, die keine Nachrichten verbreiten wollen, sondern Kampagnen fahren.

Dieser Tage wird viel von Protestwählern gesprochen. Auch das ist eine Form des Widerstandes.

Rabinovici: Interessant ist, dass viele Leute zur Wahl gehen – und davor nicht sagen wollen, was sie ankreuzen. Viele gehen in die Wahlkabine wie in die Zelle einer Peepshow, als sei es ein Ort, wo man unbeobachtet Konventionen bricht. Danach, Beispiel: Brexit, sind sie vom eigenen Erfolg entsetzt. Weil sie ihre Stimme aus Zorn abgegeben haben – und nicht, weil sie wissen, was sie statt des Etablierten wollen. Sie benehmen sich bei der Stimmabgabe also pubertant. Wobei der Vergleich mit der Peepshow vielleicht nicht mehr zeitgemäß ist. Es ist wie im Internet: gefällt mir, gefällt mir nicht. Allein und gefesselt von der Vorstellung, man sei jemand anderes. Den Reiz dieser scheinbaren Anonymität kennen wir doch alle.

Wie soll man damit umgehen?

Rabinovici: Das Problem ist, dass wir, die wir darüber reden, den Zorn der Leute verstärken. Obwohl wir mit dem, was wir sagen, Recht haben. Weil die Art und Weise, wie wir darüber reden, elitär ist. Was die, über die wir reden, ganz zu Recht merken.

Ein Dilemma?

Rabinovici: Wir haben Recht. Aber wir behalten nicht Recht.

Inwiefern?

Rabinovici: Es ist die Zeit, die einem Recht gibt. Bei allem Falschen, das jemand wie Donald Trump – man könnte auch einige österreichische Politiker nennen – sagt, es setzt sich fest. Irgendwann sagen es viele, es wird mehrheitsfähig. Die Aufgabe des Intellektuellen sehe ich auch darin, seine Haltung zu verteidigen, wenn sich die Falschheiten durchsetzen. Ich muss darauf beharren, dass es seltsam ist, wenn man sich für den Laizismus ausspricht – und gleichzeitig ein Kreuz in den Gerichtssaal hängt. Auch wenn es niemand mehr hören will. Oder, ein anderes Beispiel: Da sagt der Innenminister im Februar etwas übers Versammlungsverbot. Und alle erstarren. Doch er denkt sich daraufhin nicht: „Okay, das war zu viel.“ Nein, er sagt es einfach noch mal, weil er weiß, dass es mit der Zeit als Thema und vertretbare Haltung dazu angenommen wird.

Literarisch scheint man dieser Entwicklung kaum beizukommen.

Rabinovici: Die gegenwärtige Situation kann Boden für gute Geschichten sein. Die Frage, wie die Welt so durcheinander geraten konnte, beschäftigt uns doch ungemein. Ob Literatur die Welt verändern kann, wage ich zu bezweifeln, aber sie kann etwas ausdrücken, zur Stimme werden für das Sprachlose und das Unerhörte zur Sprache bringen. Wir erleben derzeit beinahe täglich, wie selbst das Unwahrscheinlichste übertroffen werden kann. Es mag nicht wirklich tröstlich sein, aber gerade deshalb gibt es, glaube ich, Bedarf an Geschichten, die das alles irgendwie fassbar machen. Wir wollen uns ja klar werden über uns und unser Leben.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

Zur Person

Doron Rabinovici, geboren 1961 in Tel Aviv, lebt seit 1964 in Wien, wo er 2000 mit der Arbeit „Instanzen der Ohnmacht" promovierte. Er zählt zu Österreichs profiliertesten Autoren. Von 11. bis 13. Mai nimmt Rabinovici an den 40. Innsbrucker Wochenendgesprächen zum Thema „Literatur und Politik" teil.




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