Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.05.2017


Exklusiv

Franz Schuh: „Wir wollen eine Hetz haben“

Franz Schuh wurde gestern der Paul-Watzlawick-Ehrenring verliehen. Die TT sprach mit dem Autor und Philosophen über die bedenkliche Sehnsucht nach Heilsbringern, unverdientes Glück und den Absolutismus der Gegenwart.

© WimmerFranz Schuh präsentierte sein Buch „Fortuna“ vergangene Woche in Innsbrucks Wagner’scher Buchhandlung.Foto: Wimmer



Der Paul-Watzlawick-Ring wurde Ihnen verliehen, weil Ihre Texte „ein Stachel des intellektuellen Widerstands" sind. Denken und schreiben Sie gegen etwas an?

Franz Schuh: Es gab in den 1970ern das beliebte Narrativ von Widerstand und Veränderung. Der Einzelne bekam das Gefühl, dass seine Haltung „gesellschaftlich relevant" war. Im Lauf der Zeit ist der Einzelne aber durch globalisierte Großinstitutionen ausgetrickst worden, und auch durch eine merkwürdige Selbstreferenz der Politik. Der Trick war im Wesentlichen: Die Bevölkerung ließ sich durch Konsumismus in Schach halten. Solange Konsum möglich war, wurden politische Ansprüche zurückgestellt. Von den Momenten an, wo der Konsumismus in Schwierigkeiten geriet, durch Ängste etwa, war dieses Modell überholt — und es hat sich eine von rechts kommende Protestbewegung gebildet. Über den Widerstand so genannter „Intellektueller" braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Man könnte aber sagen, dass die Wahl, ein bestimmtes Bildungsniveau vor sich her zu tragen, schon Widerstand ist. Denn es ist nicht zuletzt die Unterhaltungsindustrie, die den Liberalismus im Innersten zusammenhält. Und die ist naturgemäß unter allem Niveau: Massenkultur hat keine Zugangsschwelle. Die Widerstandsmöglichkeiten lesender und schreibender Menschen sollte man nicht überschätzen. Es gibt Momente des Widerstandes, aber auch genug andere, die sogar affirmativ sein können.

In der Politik geben sich derzeit vermeintliche Heilsbringer die Klinke in die Hand.

Schuh: Auch das hängt mit der Unterhaltungsindustrie zusammen. Trump ist berühmt geworden durch eine „Hire and fire"-Fernsehsendung. Was die Leute nicht ertragen, ist Langeweile. Langeweile auskosten werden nur die, die sich eine Distanz zu den Lebensnotwendigkeiten leisten können. Der, den die Not, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, antreibt, ist atemlos tätig. Die Arbeitsformen, die in unseren Gesellschaften existieren, sind in vielen Fällen nicht belebend. In der Freizeit mögen es die Leute, wenn etwas los ist. Ich hab' einmal gelesen, es gäbe, außer den Rinderbullen und den Menschen, keine andere Tierart, in der sich die Einzelexemplare andauernd gegenseitig beobachten. Menschen jedenfalls beobachten einander, denn vielleicht spielt sich was ab. Demokratische Verfahren, die einen Rechtsstaat ausmachen, sind, außer für die Fachleute, langweilig. Man sehnt sich nach Führern, denen man zujubeln oder die man ausbuhen kann. Davon ist niemand frei, das verbindet uns alle: Wir wollen eine Hetz haben. Auch im anderen Sinn der Wortbedeutung, eine Hetze wollen wir auch haben.

Der politische Diskurs wird mit mehr oder weniger griffigen Schlagwörtern geführt. Für einen Philosophen muss das frustrierend sein.

Schuh: Als echter Konservativer glaube ich, dass alle Zeiten frustrierend sind. Und dass in manchen Zeiten die Frustration zu Katastrophen führt. Musil, der Dichter, sagte, es sei ein Unglück für einen Menschen, wenn er gegen seine Zeit steht. Alle Zeiten haben aber auch die Möglichkeiten der Vitalität und der Ressentimentfreiheit — wenngleich nicht für alle. Es kommt immer darauf an, welche Position man in einer Gesellschaft einnimmt — und das gilt für alle Zeiten: Der französische Hof unter Ludwig XVI. hat, in einer Zeit, in der Hunger herrschte, nicht wenigen auch eine schöne Zeit geboten. Frustriert ist immer „der Andere", der, der dort, wo die Beute verteilt wird, nicht mitspielen darf. Es sind aber nicht nur Schlagwörter. Damit Wörter die Massen ergreifen, braucht es mehr. Hinter den dürren Leerformeln stehen innere und äußere Bewegtheiten, eine ganze Welt der Abgründe und Oberflächen. Es gibt diese Formulierung: Geschichte ist der Weg, der sich verändert, und zwar dadurch, dass man ihn betritt. In der Geschichte entwickeln sich Kontexte, in denen einmal dieses und dann jenes plausibel ist. Manches setzt sich mit größter Kraft durch, anderes erkennt man erst später. Man kommt im Nachhinein darauf, dass es besser gewesen wäre, es hätte sich etwas anderes durchgesetzt.

Nachher ist man immer klüger.

Schuh: Diese Einsicht ist nicht banal. Wäre sie es, dann müssten wir Banalität neu zu schätzen lernen. Die Eulen der Minerva, sagt Hegel, fliegen erst in der Dämmerung. Erst wenn es vorbei ist, kann man erkennen, was los war. Das ist eine wichtige Feststellung. Sie hilft gegen den Absolutismus der Gegenwart, sie lehrt uns, dass etwas vielleicht doch nicht so ist, wie wir es im Moment sehen, sehen müssen. Alle Menschen stecken mit ihrem Körper in der Gegenwart. Sie leiden körperlich, empfinden Lust. Die Gegenwart ist der Horizont, den sie in erster Linie haben. Man kann jetzt nicht davon absehen, dass Kern Kanzler ist und Kurz Kanzler werden möchte. Alexander Kluge sprach einmal vom Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Vergangenheit und Zukunft werden von der Gegenwart aggressiv verdeckt. Das Wissen, dass diese Gegenwart vergänglich ist, kann einem helfen. Als ich einst Bundeskanzler Kreisky interviewte, sagte er erschrocken zu mir, dem jungen Konservativen: „Keine Sorge, alles, was ist, wird anders."

In Ihrem Buch „Fortuna" geht es ums Glück. Als „Donald Duck"-Leser weiß ich: Glück hat der, der es nicht verdient.

Schuh: Das ist eine der klassischen Glücksdefinitionen, bei der man darauf hinweisen kann, dass auf dieser Welt die Existenz von etwas, das uns völlig unverdient zufällt, Glück ist. Das unverdiente Glück erzeugt die Ressentiments der anderen, aber die lassen sich pädagogisch beruhigen, indem man sie darauf hinweist, das kann euch auch passieren.

Sie ergreifen auch Partei für das Zeitverschwenden.

Schuh: Seneca wies darauf hin, dass man, wenn man die Zeit verschwendet, nichts von ihr zurückkriegt. Das setzt die Zeit von vornherein unter ein ökonomisches Prinzip, für sie gibt es keinen Ersatz. Diese Ökonomie verhindert, dass man Zeit hat, man soll sie ja immer nützen. Nichts zu wollen, nichts zu begehren, großzügig zu sein mit den Ressourcen, ist aber eine Menschenmöglichkeit. Und wenn der Wirtschaftsliberalismus der Neuen Zürcher Zeitung solche Leistungsfeindlichkeiten verbietet, so hat das noch lange nicht das letzte Wort über die Möglichkeit des Menschen, sagen wir, am Genfer See in einem Ruderboot tatenlos dahinzutreiben.

Ein anregender Gedanke, der sich praktisch kaum umsetzen lässt.

Schuh: Er lässt sich in die Praxis einzelner Lebensweisen umsetzen. Es treten immer wieder in Talkshows ehemalige Zeitnutzungsfetischisten hervor und erzählen, wie sie an dieser oder jener Stelle ihr heftig getaktetes Leben änderten — um Tischler in der eigenen Tischlerei im Keller zu werden. Einzelne haben diese Möglichkeit, die Allgemeinheit kaum, weil die Anforderungen für das Bestreiten des Lebensunterhalts in die andere Richtung weisen.

Das Gespräch führte Joachim Leitner