Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.06.2017


Lesungen

Schlafender Klee und die zerbombte Zeit

Neue Lyrik aus Österreich: Cornelia Travnicek führt Monologe mit einer Ikone – und Lydia Steinbacher geht dem Zauber fremder Worte nach.

Cornelia Travnicek (r.) und Lydia Steinbacher kommen Ende Juni mit neuen Gedichtbänden nach Innsbruck.

© Neubauer, Limbus-VerlaCornelia Travnicek (r.) und Lydia Steinbacher kommen Ende Juni mit neuen Gedichtbänden nach Innsbruck.



Innsbruck – Fußnoten sind ein Nachweis von Sorgfalt und Genauigkeit. In Lyrikbänden – auch den sorgfältig genauesten – findet man sie vergleichsweise selten. Es sei denn, sie sind bewusst gesetzte Stilmittel, Ergänzungen, Irritationen, Sackgassen. Lydia Steinbacher schlägt diese Möglichkeit aus. In „Im Grunde sind wir sehr verschieden“ nützt die 24-Jährige Fußnoten, wie man es von den Latein-Zitaten bei „Asterix“ kennt: Bildungsgutwird erklärt. So lernt man, dass „Nyktinastie“ die Reaktion von Pflanzen auf Licht- und Temperaturreize beschreibt, etwa die Schlafbewegungen von Klee. Das mit „Nyktinastie“ überschriebene Gedicht kleidet das im Fachbegriff angelegte Bild aus. Ein „Du“ wird zunächst zögernd, dann bestimmter aufgefordert, wortreich ausgestalteten Verletzungsbeschwörungen zu trotzen: tief durchatmen und weitergehen, der Entfaltung entgegen. Kurzum: Erbauungslyrik für angeknackste Gemüter und empfindsame Seelen.

Überhaupt ist es eine bisweilen eigentümliche Empfindsamkeit, die Steinbachers Gedichte ausmacht. Aufenthalte in Kasachstan, im slowenischen Ptuj und auf der schottischen Insel Staffa – hier erlauben Fußnoten eine genauere Lokalisierung – liefern Sprach- und Klangmaterial für von großer Ernsthaftigkeit getriebenes Erörtern innerer Zustände. Bisweilen freilich knarzt die Metaphernmaschine: Der Grat zwischen anregender Assoziation und bemühter Bedeutungsbehauptung ist schmal – und mancher Absturz unabwendbar.

Potenziell absturzgefährdet scheint auch die Prämisse von „Parablüh“, dem neuen Gedichtband von Cornelia Travnicek („Chucks“). Die Bestseller- und Bachmann-Preis-erprobte Autorin wagt sich an eine Ikone der Lyrik-Geschichte. Zu Lebzeiten hat die US-Dichterin Sylvia Plath (1932–1963) nur zwei Bücher veröffentlicht, den Roman „Die Glasglocke“ (1963) und davor 1960 die Gedichtsammlung „Der Koloss“. Letztere stand lange im Schatten des erst nach Plaths Freitod publizierten Lyrikbandes „Ariel“ (1965). In deutscher Übertragung liegt „Der Koloss“ seit 2013 vor. An dieser Ausgabe hat sich Travnicek für ihre „Monologe mit Sylvia“ orientiert. „Parablüh“ allerdings versammelt nun keine Nach-, Um- oder Weiterdichtungen. Auch keine – Gott behüte – wie auch immer gearteten Aktualisierungsversuche.

Vielmehr greift sie einzelne Elemente, Worte, Themen, Konstellationen aus Plaths Gedichten auf – und überführt sie in ihre ganz eigene, hochkonzentrierte und doch unprätentiöse Sprache. Travniceks Gedichte sind also „Entsprechungen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Sie rühren, verblüffen, verstören auch dann, wenn man die „Originale“ nicht kennt. Manche entwickeln einen nachgerade beklemmenden Sog und legen zugleich andere Bezugsgrößen nahe. „Die ausgebombte Zeit“ etwa erinnert an die sprachkritische Lakonie der frühen deutschen Nachkriegslyrik, an Günter Eich zum Beispiel – und der „Diwan“ trägt die im besten Sinne unverfrorene Goethe-Referenz schon im Titel.

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Limbus. 83 Seiten, 13 Euro.

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Beide Bücher werden am Mittwoch, 21. Juni, im Rahmen des Lyrikfestivals W:Orte im Literaturhaus am Inn präsentiert. Beginn: 19 Uhr.


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