Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.07.2017


Literatur

Amerikas gelehrter Widerständler

Henry David Thoreaus Geburt jährt sich am 12. Juli zum 200. Mal. Eine neue Biographie geht Leben und Werk des Freigeistes auf den Grund.

Henry David Thoreau, Sohn eines Bleistiftfabrikanten, Naturvermesser und Prophet zivilen Ungehorsams, starb 1862 im Alter von 44 Jahren.

© DiogenesHenry David Thoreau, Sohn eines Bleistiftfabrikanten, Naturvermesser und Prophet zivilen Ungehorsams, starb 1862 im Alter von 44 Jahren.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Zum „Bibliophagen“ sei der junge Thoreau geworden, als er sein Studium in Harvard begann, schreibt Frank Schäfer in seiner neuen Biographie über den späteren „Waldgänger und Rebell“. Es ist – versprochen – das einzige Mal, dass man bei der Lektüre dieses kenntnisreichen Buches ein Fremdwörterbuch benützen muss. Ein Bibliophage, das ist einer, der Bücher frisst. Davon gab es in Harvard schon 1833 viele. Etwa 50.000 Bände nämlich. Und Thoreau, der damals noch David Henry Thoreau hieß – seine Vornamen tauschte er erst einige Jahre später –, dürfte tatsächlich wie ein Besessener gelesen haben: griechische Klassiker, englische Romantiker, alles. Seinen Kommilitonen galt er deshalb als Streber, obwohl seine Noten Durchschnitt waren. Trotzdem: Das, was er sich in dieser Zeit angelesen hat, verfestigte sich zum Fundament auf dem er die eigenen Gedankengebäude zimmerte. Auch wenn er selbst später das Hohelied der Einfachheit anstimmte und darauf beharrte, dass man sich Sprache und Begreifen sprichwörtlich erarbeiten muss – am besten mit der Axt im Wald, sollte man das nie vergessen: Der Naturbursch war mit allen rhetorischen und erzählerischen Wassern gewaschen.

Mit zwei Büchern schaffte es der Zeit seines kurzen Lebens leidlich erfolgreiche Henry David Thoreau, dessen Geburt sich dieser Tage zum 200. Mal jährt, zu posthumem Weltruhm: „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ (1849) und „Walden oder Leben in den Wäldern“ (1854). Ersteres beeinflusste Widerständler von Gandhi bis Mandela und zählt bis heute zum Kanon politischer Protestliteratur, weil es das Gewissen über die gängige Gesetzgebung stellte.

Letzteres – die Beschreibung von Thoreaus Rückzug in die Natur – prägte das Bild des Autors als Eigenbrötler und Sonderling, der sich vor den Zwängen der frühindustrialisierten Massengesellschaft in den Wald flüchtete um dort Baumstämme und Beeren zu zählen.

Alles richtig. Aber, wie Schäfer in schönstem Parlando ausführt, eben nur die halbe Wahrheit: Ja, Thoreau lebte zwei Jahre, von 1845 bis 1847, in der berühmten Hütte am Walden-See – und übte sich im Verzicht. Aber Hütte und See waren nur einen Steinwurf von Thoreaus Heimatstadt Concord entfernt. Beinahe täglich machte er sich auf den Weg in den Ort. Nicht zuletzt um Familie und Freund von seiner geistigen Gesundheit zu überzeugen.

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Bei einem dieser Stadtbesuche wurde er verhaftet, weil er sich seit Jahren weigerte, Steuern zu bezahlen. Er verbrachte eine Nacht im Gefängnis. Und zahlte weiterhin nicht: Eine Regierung, die Sklavenhandel dulde, könne und wolle er nicht unterstützen. Eine Zeitlang gehörte der Schriftsteller auch der „Underground Railroad“ an, einem konspirativen Netzwerk, das Sklaven bei der Flucht nach Kanada half.

Die Zeit am See war für Thoreau ein Experiment. Nicht nur in Naturbeobachtungen, die er in kristallklare Prosa verwandelte. Sondern auch in Zivilisationsbeobachtung. Dafür war es unumgänglich, etwas auf Distanz zu gehen.

Doch Thoreaus Naturbegeisterung stieß auch auf Grenzen. Im der erst posthum erschienenen Reiseerzählung „Ktaadn“, die die 1846 unternommene Besteigung des Mount Katahdin verarbeitet, schildert er den „Wahrnehmungsschock“ einer furchterregenden, den Menschen bedrohenden Natur.

Biograph Schäfer wundert sich, dass dieser Text, der „zu den schönsten“ des Autors zählt, bislang nicht ins Deutsche übertragen wurde. Seit der Drucklegung seiner Lebensnacherzählung ist das geschehen. Vom Wiener Amerikanisten Alexander Pechmann, der sich bereits um Thoreaus „Die Wildnis von Maine“ verdient gemacht hat, ohne Schnörkel übersetzt ist „Ktaadn“ pünktlich zum 200. Geburtstag des Autors im Salzburger Jung-und-Jung-Verlag erschienen.

Biographie Frank Schäfer: Henry David Thoreau. Waldgänger und Rebell. Suhrkamp. 252 Seiten, 17,50 Euro. Prosa Henry David Thoreau: Ktaadn. Aus dem Amerikanischen von Alexander Pechmann. Jung und Jung. 160 Seiten, 20 Euro.