Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.09.2017


Sven Regner

Kunst, Krawall und Kaffee

Mit seinem neuen Roman „Wiener Straße“ steht Sven Regener auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Die Verfilmung seines Buches „Magical Mystery“ läuft derzeit im Kino.

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© Charlotte Goltermann



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Warum soll man groß was erzählen, wenn man die Figuren einfach reden lassen kann? Oder sie sich ihren Teil denken dürfen. Obwohl in Sven Regeners neuem Roman „Wiener Straße“ einiges passiert, darf man die Handlung getrost Beiwerk sein lassen. Denn vornehmlich wird geredet, schwadroniert, geschimpft und gelabert. Und weil vor dem Drauflosreden bisweilen auch gedacht werden muss oder manch einer über gut Gesagtes im Stillen triumphieren möchte, gibt’s innere Monologe, die vor- bzw. nachbereiten, was da beredet – und was besser verschwiegen wird.

Dass Gequatsche und Quatschgequatsche große Kunst sein kann, hat Regener schon in seinen bisherigen Romanen bewiesen. Auch das Abtauchen im Bewusstseinsstrom ist nicht neu. Neu in „Wiener Straße“ ist, dass es keinen Protagonisten mehr gibt, aus dessen Perspektive erzählt wird, sondern gleich mehrere gleichrangige Hauptfiguren. Manche, Frank Lehmann zum Beispiel, der Gastro-Germanist Erwin oder die Extremkünstler H. R. Ledigt und Karl Schmidt, sind alte Bekannte. Sie waren bereits in Regeners erfolgreichem Wenderoman „Herr Lehmann“ mit von der Partie. Doch „Herr Lehmann“ ist in „Wiener Straße“ Zukunftsmusik. Der Roman spielt in West-Berlin des Jahres 1980. Oder genauer: in der Kreuzberger Kunst- und Kneipenszene, wo einigermaßen verkrachten Existenzen langsam dämmert, dass sich mit betont antibürgerlichem Aktionismus Aufmerksamkeit generieren und die eine oder andere Mark verdienen lässt. Darum also geht’s, um Lebensentwürfe zwischen Experiment und Exzess, Kunst und Kommerz, Kalauer, Krawall und Kaffee. Und darum, dass einem bei der Suche nach einem Platz in der Welt gerade die Freiheit im Weg stehen kann. „Wiener Straße“ ist vor allem ein Roman über mehr oder weniger gelungene Bemühungen, sich zu behaupten.

Tiefer Schwerpunkt, traurige Augen: Charlie Hübner als Karl Schmidt in Arne Feldhusens Regener-Verfilmung "Magical Mystery".
Tiefer Schwerpunkt, traurige Augen: Charlie Hübner als Karl Schmidt in Arne Feldhusens Regener-Verfilmung "Magical Mystery".
- Thimfilm

Dieses Thema spielt Regener episodisch durch. Manches entlädt sich in irrwitzigen Pointen, wenn etwa nach waghalsigen Manövern auf brüchiger Bausubstanz wehmütig Wienerlieder gesungen werden. Anderes hingegen verläuft sich einfach. Ein guter Lektor hätte hier gestrichen. Ein hervorragender weiß, dass es gerade das Verlaufen ist, das Witz und Wahrhaftigkeit ausmacht. Kurzum: Wirklich böse kann man dem Roman auch dann nicht sein, wenn er sich ein bisschen zieht. Zum einen, weil die Figuren – selbst die ganz bescheuerten – noch im Moment ärgsten Schaumschlagens sympathisch sind. Zum anderen, weil es Regener gekonnt versteht, die einzelnen Szenen doch noch zu verknüpfen. Und sei’s durch alte Montagetricks: Geht hier das Licht aus, ist es auch dort zappenduster.

Auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis dürfte es „Wiener Straße“ auch geschafft haben, weil es dem Text mit fast schon aufreizender Gelassenheit gelingt, dem Profansten – einer kaputten Kaffeemaschine und der Aussicht, an ihr herumzuschrauben – nicht nur polternde Pointe, sondern hintergründige Poesie abzutrotzen. Für seine Dialoge hätte Regener, der als Sänger und Texter der Band Element of Crime bekannt wurde, sowieso jeden Preis der Welt verdient.

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Auch deshalb sind seine Romane gefragte Filmvorlagen. Für die neueste Adaption „Magical Mystery“ – seit vergangener Woche in den heimischen Kinos – hat er das Drehbuch gleich selbst verfasst. Und sich dabei eng an den gleichnamigen Roman von 2014 gehalten. Im Zentrum steht Karl Schmidt, einst ungestümes Versprechen der Berliner Kunstszene, dann – damit geht „Herr Lehmann“ zu Ende – durchgeknallt. Da Schmidt inzwischen, der Film spielt 1994, einigermaßen wiederhergestellt ist, nehmen ihn alte Bekannte mit auf Tour. Die machen inzwischen mit Techno „Geld wie Heu“ – und brauchen einen, der auf sie aufpasst, einen, der klar bleibt, wenn alle durchdrehen, „so Chef-vom-Dienst-mäßig, aber stiernackiger“. Charlie Hübner spielt Schmidt mit tiefem Schwerpunkt und traurigen Augen. Um ihn herum: „Bumm Bumm“, tote Meerschweinchen und Koks im Bier. Um Schmidts Angst vor der Sorglosigkeit einer Welt, deren Werden er verpasst hat, darzustellen, braucht Hübner keine großen Gesten. Und schon die vage Andeutung eines ganz zarten Lächelns reicht, um zu wissen: Wird schon wieder.

Roman Sven Regener: Wiener Straße. Galiani, 300 Seiten, 22,70 Euro.