Letztes Update am Di, 12.09.2017 12:36

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Menasse und Franzobel mit Chancen auf Deutschen Buchpreis

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 vergeben. Gesucht wird der beste deutschsprachige Roman des Jahres.

Romancier Robert Menasse.

© Wolfgang SchmidtRomancier Robert Menasse.



Frankfurt/Wien – Zwei österreichische Autoren dürfen sich Chancen auf den Deutschen Buchpreis ausrechnen. Robert Menasses in Brüssel spielender Europa-Roman „Die Hauptstadt“, der auch für den Österreichischen Buchpreis nominiert ist, und „Das Floß der Medusa“ von Franzobel, der am Donnerstag den Nicolas-Born-Preis erhält, sind unter den sechs Titeln des Finales. Der Preis wird am 9. Oktober in Frankfurt vergeben.

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Auf die Shortlist haben es auch die deutschen Schriftsteller Marion Poschmann („Die Kieferninseln“), Thomas Lehr („Schlafende Sonne“), Gerhard Falkner („Romeo oder Julia“) und Sasha Marianna Salzmann („Außer sich“) geschafft. Der deutsche Verlag Suhrkamp stellt mit gleich drei Titeln die Hälfte des Feldes. Nicht mehr im Rennen sind die drei übrigen Österreicher Monika Helfer („Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“), Birgit Müller-Wieland („Flugschnee“) und Robert Prosser („Phantome“).

„Kühnes Denken: das ist es, was die Texte der Shortlist miteinander verbindet - bei aller thematischen und ästhetischen Unterschiedlichkeit“, heißt es in einem Statement der österreichischen Jury-Sprecherin Katja Gasser. „Allen gemeinsam ist das Bewusstsein, dass ernsthaftes literarisches Tun immer auch ein Brechen mit herrschenden Ordnungen im Sprechen, Denken und Fühlen bedeutet. Thematisch ist es die Frage danach, wer ‚wir‘ sind und wer ‚wir‘ sein wollen, die viele der Texte zusammenhält - womit auch Europa auf den Plan kommt. Und es besteht nach der Lektüre kein Zweifel: die Idee Europa, sie steht immer, im Besonderen gegenwärtig, auf dem Spiel, und es ist an uns Zeitgenossen, verantwortlich, und das heißt auch kühn, zu handeln.“

Der österreichische Schriftsteller Franzobel.
Der österreichische Schriftsteller Franzobel.
- Clemens Fabry

Franzobels zu Jahresbeginn erschienener Roman „Das Floß der Medusa“ greift eine - von Theodore Gericault auf einem berühmten Monumentalgemälde festgehaltene - Seefahrtstragödie von 1816 auf und verhandelt anhand einer Extremsituation ewig aktuelle Fragen über die Natur des Menschen. „Eine kleine, ungeheuerliche Menschheitsgeschichte auf gerade einmal knapp 600 spannenden Seiten“, lobten die Juroren.

Robert Menasse dagegen taucht in seinem eben ausgelieferten Roman „Die Hauptstadt“ tief in die Brüsseler EU-Institutionen ein. Rund um die Planung von Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Europäischen Kommission entwirft er ein vielstimmiges europäisches Panorama, in dem Geschichte, Gegenwart und Zukunft enggeführt werden. „Ein Roman, der alles über unsere Zeit enthält, ohne je zeitgeistig zu werden“, befand die Jury.

Die 32-jährige Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Debütroman „Außer sich“ eine Geschichte von Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Suche nach der eigenen Identität. Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren und mit „Die Sonnenposition“ 2013 auf der Buchpreis-Shortlist, hat mit „Die Kieferninseln“ für die Jury „eine Lebenswanderung, in der zwei konträre Charaktere mit gegensätzlichen Zielen ihr Selbst entfalten und ihrer Berufung entgegenlaufen“, geschrieben.

Thomas Lehr (Jahrgang 1957) verhandle in „Schlafende Sonne“ „ausgehend von einem einzigen Tag, ein ganzes Jahrhundert und entwirft ein Geschichtslabyrinth, in dem er die komplexen Ereignisse und Verwerfungen souverän platziert und - im Wortsinn - neu zur Sprache bringt“, begeisterten sich die Juroren. „Von den Abenteuern eines Schriftstellers“ handle Gerhard Falkners dreiteiliger Roman „Romeo oder Julia“ nur vordergründig, zeigte sich die Jury einig, „im Grunde geht es um das Abenteuer der Sprache, um das Abenteuer des Schreibens, und darum, wie mit Sprache Welt erschaffen wird“.

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 vergeben. Gesucht wird der beste deutschsprachige Roman des Jahres. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen fünf Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro. Die Auswahl trifft eine siebenköpfige Jury, die jedes Jahr neu besetzt wird. Heuer sind neben Katja Gasser (ORF) auch Silke Behl (Radio Bremen), Mara Delius (Die Welt), Christian Dunker (autorenbuchhandlung berlin), Maria Gazzetti (Casa di Goethe, Rom), Tobias Lehmkuhl (freier Kritiker, Berlin) und Lothar Schröder (Rheinische Post) in der Jury vertreten, die insgesamt 200 Titel gesichtet hat.

2016 wurde Bodo Kirchhoff für „Widerfahrnis“ ausgezeichnet. Den ersten Buchpreis gewann 2005 der Vorarlberger Arno Geiger mit „Es geht uns gut“ - bis heute der einzige österreichische Sieger. Mit Jung und Jung konnte dagegen ein österreichischer Verlag zweimal (2010 und 2012) den Siegerroman stellen. (APA)


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