Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 22.09.2017


Literatur

Der Mond über Matsushima

Marion Poschmanns Japan-Roman „Die Kieferninseln“ steht im Finale um den Deutschen Buchpreis. Und das vollkommen verdient.

Bereits Marion Poschmanns „Schwarzweißroman“ (2005) und „Die Sonnen­position“ (2013) waren für den Deutschen Buchpreis nominiert.

© SteiwegBereits Marion Poschmanns „Schwarzweißroman“ (2005) und „Die Sonnen­position“ (2013) waren für den Deutschen Buchpreis nominiert.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – In den 1990er-Jahren waren Tamagotchis Spielzeuge, die umsorgt werden wollten. Privatdozent Gilbert Silvesters Tamagotchi hingegen ist aus Fleisch und Blut – und selbstmordgefährdet. Silvester hat Yosa Tamagotchi in Tokios U-Bahn „aufgegabelt“, als dieser sich gerade vor einen Zug werfen wollte. Warum er selbst durch Japans Hauptstadt streift, weiß Silvester selbst nicht so genau. Für den Fernen Osten interessiert sich der von Drittmittelgebern gepeinigte Forscher, aktuelles Projekt: „Bartmode und Gottesbild“, nicht. In Japan sind Bärte selten – und Silvester zieht ganz allgemein Kaffeekulturen jenen Ländern vor, in denen Tee getrunken wird. Nach Japan ist er aufgebrochen, weil er schlecht geträumt hat: seine Freundin mit einem Anderen. Also macht er Schluss – und nimmt den nächsten Interkontinentalflug. Das selbsterklärte Betrugsopfer und der gescheiterte Selbstmörder werden zur eigenwilligen Pilgergruppe – es zieht sie nach Matsushima, eine vielbesungene „Kieferninsel“ nördlich der Hauptstadt, Inbegriff klassisch japanischer Schönheit. Davor allerdings gerät das Paar immer wieder auf Abwege: durch den Wald von Aokigahara zum Beispiel, den Yosas Handbuch „The Complete Manual of Suicide“ als Hotspot lebensmüder Zeitgenossen ausweist. Gilberts Reiselektüre ist ähnlich vielsagend: Er studiert die Texte des großen japanischen Reisedichters Matsuo Basho_ (1644–1694), der auf den Spuren eines anderen Dichters, Saigyo_ (1118–1190) aufbrach, um Einsicht und Erkenntnis zu finden.

Man könnte Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ als Komödie über zwei Männer im Ausnahmezustand bezeichnen. Gerecht würde man dem Buch, das es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat, damit nicht. „Die Kieferninseln“ ist mehr. Nicht zuletzt eine bezaubernde Gespenstergeschichte. Mit beinahe jedem Satz gelingt es Poschmann, die bereits im Lyrikband „Geliehene Landschaften“ (2016) ihre Aufenthalte in Japan verdichtete, immer neue poetische Räume zu öffnen. Dort kann E.T.A. Hoffmanns deutsche Doppelgänger-Romantik auf kunstvoll-knappe Haikus treffen. Und durch alle Kammern, die sich auftun, echot die Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Durchaus harter Stoff also. So wunderbar leicht wurde er selten behandelt.

Roman Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp. 164 Seiten, 20,60 Euro.

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