Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.09.2017


Literatur

Gegenwartsliteratur aus den Buchdeckeln befreit

Der Tiroler Autor Robert Prosser schreibt seinen Balkankrieg-Roman „Phantome“ als intensive Performance im Freien Theater fort.

© Thomas Boehm / TT



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Robert Prossers Roman „Phantome“ sorgte schon vor seinem Erscheinen für Aufsehen, weil er für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen wurde. „Damit rechnet man natürlich nicht“, sagt der 33-jährige Alpbacher im Gespräch mit der TT. Die „vollkommen unerwartete“ Aufmerksamkeit sei surreal gewesen – und „ziemlich arg, vor allem wenn man bedenkt, dass das Buch ohne diese Nominierung vielleicht gar nicht wahrgenommen worden wäre“. Neu sei zudem die Erfahrung gewesen, „dass plötzlich ganz viele eine Meinung hatten, nicht nur über mein Buch, sondern auch über mich“. Deshalb hat Prosser sich vorgenommen, „diese Welle bestmöglich zu reiten“ – und alles nicht allzu ernst zu nehmen: „Ich war darum bemüht, dass das ganze Theater meine Arbeit nicht beeinflusst.“

Dass es „Phantome“ nicht in die Finalrunde um die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung geschafft hat, sei nicht weiter tragisch. „Im Verlag haben sie sich Außenseiterchancen ausgerechnet, weil nur drei jüngere Autorinnen und Autoren auf der Longlist standen. Jetzt nimmt Sasha Marianna Salzmann mit „Außer sich“ die Rolle der Nachwuchshoffnung ein. Das ist okay, ich kenne Sasha und mag ihr Buch.“

In „Phantome“ – die TT berichtete – beschäftigt sich Robert Prosser mit dem Bosnienkrieg. Der Arbeit am Roman ging intensive Recherche voraus. „Ich bin eher zufällig in das Thema hineingeschlittert“, erklärt er. Eine Reise durch das ehemalige Jugo­slawien vor einigen Jahren habe erste Fragen aufgeworfen und die Suche nach Antworten immer neue Geschichten zu Tage gefördert. Unzählige Gespräche hat der Autor über das Nachwirken des Krieges, Verlust- und Fluchterfahrung geführt. Er hat fotografiert, Videos gemacht und Unmengen an Material gesammelt. Nicht alles fand seinen Weg ins Buch. Auch deshalb schreibt Prosser seinen Roman inzwischen als Performance fort. Am Donnerstagabend kam sie im Freien Theater Innsbruck erstmals zur Aufführung.

Im Zentrum steht dabei zunächst der erste Teil des Romans, der auf verschiedenen Zeitebenen die nächtlichen Streifzüge eines Wiener Sprayers mit einer zusehends eskalierenden Gedenkfeier in Srebrenica kombiniert. Prossers freier Vortrag ist furios. Atemraubend schnell jagt der mitreißende Text an einem vorbei, die Worte prasseln, prickeln, funkeln.

Dann, wenn der Krieg zusehends zum Thema wird, wird auch die Performance drastischer: Prosser zerholzt eine Tafel und findet – gewissermaßen in den Trümmern – Fragmente jener Geschichten, die er in den vergangenen Jahren im ehemaligen Jugoslawien gesammelt hat. Und diese Geschichten, manche sind drastisch, andere berührend, einiges ist schwer verdaulich, anderes beiläufig, beinahe banal, wirken lange nach. Ein starkes Stück Gegenwartsliteratur, das sich nicht einfach zwischen zwei Buchdeckel klemmen lässt.