Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.10.2017


Literatur

Durch düstere Zeiten

In seinem neuen Roman „Tyll“ versetzt Daniel Kehlmann den Gaukler Till Eulenspiegel in vom Dreißigjährigen Krieg geschundene Landschaften – und trifft damit ins Herz des Heute.

© APADer Roman „Die Vermessung der Welt“ machte Daniel Kehlmann 2005 zum internationalen Bestsellerautor.Foto: APA



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Sein Ruf eilt ihm voraus. Auch dort, wo selbst der Krieg nicht hinfindet, kennt man seinen Namen. Und jeder Auftritt von Tyll Uhlenspiegel ist Attraktion. Auch wenn sie in Tumulten enden. Uhlenspiegel ist kein einfacher Gaukler. Er legt Wunden frei. Sagt ruch- und rücksichtslos die Wahrheit. Weshalb im Publikum schon mal die Messer gewetzt werden. „So“, heißt es an einer Stelle von Daniel Kehlmanns neuem Roman „Tyll“, „war es immer, wenn er auftrat: Einigen ging es schlecht, aber die, die davonkamen, hatten großen Spaß gehabt.“

Dass Uhlenspiegel sich seine Narrenfreiheit teuer, weil mit eigenem Blut, erkauft hat, ist eines der Geheimnisse des Romans. Mehrfach und aus verschiedenen Richtungen nähert Kehlmann sich den Ereignissen in jener schauerlichen Nacht, in der Tyll seine kindliche Unschuld vollends verlor. Dieser Roman, so folkloristisch, bunt, so herzhaft und deftig er bisweilen auch daherkommt, ist immer auch ein Stück weit Traumaarbeit: Auch der Spaßmacher, der Clown und Tunichtgut ist ein Getriebener, einer, der nachts mit Dämonen ringt. Egal, wie oft er das Vergessen beschwört, weil „hat man vergessen, ist es nicht passiert“.

Till Eulenspiegel, den Kehlmann getreu alter Schreibweisen Uhlenspiegel nennt, ist eigentlich eine Figur des späteren Mittelalters. Um 1350 soll er, so er je gelebt hat, in Mölln unweit von Lübeck gestorben sein. Kehlmann verlagert seine Geschichte indes in den Dreißigjährigen Krieg, 1618 bis 1648. Und über weite Strecken ist der Narr mehr rätselhafte Rand- als Hauptfigur, ein roter Faden, der die einzelnen Episoden des Romans verbindet. Als solche erlebt er – eher zufällig – die letzte Feldschlacht des zerstörerischen Krieges in Zus­marshausen nahe Augsburg und geistert, massiv vernarbt und doch beseelt vom Wissen um die eigene Unsterblichkeit, durch elegante Empfänge in Osnabrück, wo nach drei Jahrzehnten mörderischen Durcheinanders der Westfälische Friede ausbaldowert wird.

Im Zentrum des Buches aber steht ein Panorama anderer Figuren. Manche sind historisch verbrieft. Der glücklose Kurfürst Friedrich zum Beispiel, der sich einen Winter lang als neuer König Böhmens feiern ließ, dadurch den die Epoche verheerenden Krieg vom Zaun brach – und noch vor Kriegsende von der Pest dahingerafft wurde. Andere, etwa einen ähnlich glücklosen Müller wider Willen, hat Daniel Kehlmann erfunden. Diesen macht er gar zu Uhlenspiegels Vater. Als Selbstdenker und Sterneschauer erforscht er das Wesen der Welt – und wird vom eigenen Sohn, freilich ohne Absicht, ans Messer geliefert. Ein unbedachter Satz in Gegenwart eines besonders braven Bruders reicht für einen Hexenprozess gegen den vermeintlichen Teufelsbündler. Der brave Bruder übrigens ist kein anderer als ein junger Athanasius Kircher. Jahre später wird Tyll ihn wieder treffen. Da gilt Kircher bereits als Gelehrter sondergleichen und gefürchtete Allzweckwaffe päpstlicher Macht, wenn es um die Wissenschaften geht.

Durch ihn, aber auch durch den feisten Wolkenstein – ein allerdings fiktiver Nachfahre des gleichnamigen Minnesängers und bemühter Chronist seiner Zeit – lotet Kehlmann die Grenzen barocken Denkens aus: irrwitzige Argumentationsketten, unerschütterliche Standesdünkel und das insgeheime Zweifeln daran, dass alle irdischen Verwerfungen, deren Überreste bis zum Himmel stinken, Wille eines gerechten Gottes sind.

Die wohl schillerndste Figur des Ensembles aber ist Eliza­beth Stuart, Tochter des britischen Königs, Enkelin von Maria von Schottland und Gemahlin des Winterkönigs, der im kargen Exil der Hofstaat abhandenkommt – und die sich ins England ihrer Jugend zurückträumt. Dort hat sie nicht nur Shakespeares Stücke gesehen, sondern auch dem Stückeschreiber selbst die Hand geschüttelt. Von Shakespeare hat sich Daniel Kehlmann vieles für sein in Romanform gegossenes Welttheater geliehen. Nicht nur den Narren, der schon weiß, was anderen erst dämmern muss, sondern auch die Erkenntnis, dass ein drastisches Detail wirkmächtiger erschüttert als alle Schlachtenmalerei. Das alles macht „Tyll“ zu einem brillant komponierten, ungeheuer gescheiten und mitreißenden Roman. Das Mitgefühl aber, mit dem hier auf die Glücklosen und Geschundenen, die von strategischen Überlegungen und gottesfürchtigem Wahn Vertriebenen geschaut wird, sorgt dafür, dass der Text auch ins Herz des Heute trifft.

Es darf darüber gestritten werden, ob „Tyll“, wie dieser Tage auf der Frankfurter Buchmesse verlautbart, der „beste Roman“ des Bestsellerautors ist, der vor gut zehn Jahren mit „Die Vermessung der Welt“ in die erste Liga der globalen Literatur-Hautevolee aufgestiegen ist. Sein bislang berührendster, weil menschlichster, ist er allemal.

Roman Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt. 473 Seiten, 23,60 Euro.




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