Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.10.2017


Literatur

Gestalten, die im Regen stehen

Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig legt seinen zweiten Roman vor.

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© Heike Steinweg



Innsbruck – Schon in seinem im Winter 2016 erschienenen Roman-Erstling „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ entwarf der für seine Theaterstücke (unter anderem „Der Goldene Drache“, „Besuch bei dem Vater“, „Das fliegende Kind“) vielfach ausgezeichnete deutsche Autor Roland Schimmelpfennig einen dystopischen Kosmos, ein Endzeit-Berlin, in dem allerlei menschliches und, in der Figur des Wolfes, auch tierisches Personal suchend umherirrt.

„Die Sprache des Regens“, soeben bei S. Fischer erschienen, teilt mit dem Prosa-Debüt die klimatische wie sprachliche Frostigkeit. Schauplatz ist diesmal nicht die verfremdet-vertraute Großstadt, sondern ein von Regen und Hoffnungslosigkeit gebeuteltes Industriestädtchen-Etwas, offenbar weit, weit im Osten gelegen, über dem bei aller Tristesse außerdem eine Art Fluch zu schweben scheint.

Begibt man sich in dieses anfänglich sperrige Universum, vertraut man dem literarischen Können Schimmelpfennigs, überliest man geflissentlich die ungewollt komischen Stellen, die einer merkwürdigen „Der Osten ist so schick kaputt“-Verklärung das Wort reden bzw. schreiben, dann kann das kalte Herz dieser miteinander verwobenen Dunkel-Märchen durchaus faszinieren.

Die parabelhafte Klammer bildet die Erzählung des unerfüllt liebenden Königs Vadim von Reval und Riga, der sich in die Wildnis begibt, um im Erlernen der Sprachen von Flora und Fauna, von Regen und Schnee, sein Unglück zu bewältigen.

In einer fiktionalen Welt zwischen Heute und Zukunft verschwindet die Lehrerin Maria scheinbar grundlos im Gefängnis, der fünfzehnjährige Petja gilt lange Zeit als im Fluss verschollen, da muss ein Hund qualvoll sterben, um das Leben eines fiebergeschüttelten Kinds zu retten oder setzt der heruntergekommene Schlagerstar Frankie Weiss an, für die alkoholkranke Haushälterin ein letztes Lied zu schreiben.

Sie und die zahlreichen weiteren, durch „prasselnden“ oder auch „dicht fallenden“ Regen stolpernden Gestalten sind kunstvoll miteinander verschränkt. Familiäre Verbundenheit, frühere Beziehungen und andere Abhängigkeiten wie allerlei Rituale, die etwa die Arbeiterin Dina beherrscht, wenn sie in Trance zum „weisen Alten“ wird, sind die Konstanten eines archaisch anmutenden und scheinbar vorbestimmten Miteinanders. Ein seltsam entrücktes und rätselhaft-lakonisches Sprachbilder-Buch. (lietz)

Roman Roland Schimmelpfennig: Die Sprache des Regens. S. Fischer, 314 Seiten; 22,70 Euro.




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