Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.10.2017


Exklusiv

Ein fast vergessenes Leben zwischen Tirol und Afrika

Eine Lesung mit Musik erinnert an den Tiroler Komponisten Anton Erich Kratz, der in Südafrika zum Gegner des Apartheid-Systems wurde.

© Nachlass Anton StockerDer Tiroler Musiker, Komponist und Apartheid-Kritiker Anton Erich Kratz hätte heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert.



Innsbruck – Seine Biographie ist außergewöhnlich, sein Werk vielfältig – und doch ist der Tiroler Musiker, Komponist und Pädagoge Anton Erich Kratz (1917–1980) heute weitgehend vergessen. Eine Lesung mit Musik, die am Dienstag, den 31. Oktober, um 19.30 Uhr im Studio 3 des ORF Tirol in Szene geht, soll nun dazu beitragen, seinen facettenreichen Lebensweg zwischen Tirol und Südafrika ins Bewusstsein zu rufen.

Vor 100 Jahren in Galizien (heutige Ukraine) geboren, trat Kratz in Tirol bereits mit 19 Jahren erstmals als Komponist an die Öffentlichkeit. Nach einer breiten musikalischen Ausbildung in Wien und München (Klavier, Dirigieren und Komposition) begann er in Hall ein Leben als Musiker, arbeitete als Klavierlehrer, Orchester- und Chorleiter. Seine Messkompositionen führten ihn nach Absam, wo er dem Kirchenchor vorstand.

Anfang der 50er-Jahre erhielt Kratz die Chance, in Südafrika musikalische Karriere zu machen – und sollte dort insgesamt fast zwanzig Jahre verbringen. Doch schon bald wandelte sich der Tiroler, der so erwartungsvoll nach Johannesburg übersiedelt war, zu einem scharfen Kritiker des Apartheid-Regimes und des weißen Rassismus. „Kratz beschäftigte sich ausführlich mit der südafrikanischen Geschichte und zog persönliche Konsequenzen, indem er zum Beispiel auch Schwarzen Musikunterricht gab“, erklärt Matthias Breit, Leiter des Gemeindemuseums Absam, der sich seit Jahren mit Kratz auseinandersetzt. Der Tiroler besuchte Gerichtsverhandlungen, sprach mit Verwandten von politischen Häftlingen, sammelte Zeitungsartikel, kurz: „recherchierte auf fast schon journalistische Weise“, wie Breit meint. Dabei setzte er seine vielversprechende Laufbahn – u. a. an der „Opera Society“ in Pretoria und als Leiter des Messias Chores in Johannesburg – immer mehr aufs Spiel. Am Ende verließ er Südafrika fast fluchtartig.

1969 erschien das Ergebnis seiner Recherchen, das Buch „Dann bist du tot! Südafrikanische Notizen“, im deutschen Jugenddienst-Verlag. Doch trotz der gesellschaftlichen Umbrüche rund um die 68er-Bewegung fand das Werk kein Publikum. „Anhänger des Apartheid-Regimes dürften die Kleinauflage gezielt aufgekauft haben, um so eine Debatte zu unterbinden“, berichtet Breit. Selbst in Tirol blieb das Buch unbekannt.

Der inzwischen über 50-jährige Kratz begann nach seiner Rückkehr einmal mehr ein neues Leben – als Hauptschullehrer im Wipptal, Organist und Chorleiter in Gries am Brenner, musikalischer Leiter der Steinacher Musikschule sowie Kapellmeister in Innsbruck und Steinach.

Apropos: Die Musikkapellen aus Absam und Steinach werden am Dienstag ausgewählte Kratz’sche Kompositionen präsentieren, dazwischen trägt Schauspieler Rainer Egger Ausschnitte aus den „Südafrikanischen Notizen“ vor. Nächstes Ziel sei es, einen Reprint des Buches zu ermöglichen, so Breit: „Schließlich ist es eine Tyrolensie, wenn auch der etwas anderen Art.“ (md)