Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 31.10.2017


Dan Brown

Atemlos durch die Nacht

Mystery und Hysterie: In „Origin“ hetzt Dan Brown seinen Rätselknacker Robert Langdon durch Barcelona.

© AFPDan Brown wurde durch den Verschwörungsreißer „Sakrileg“ (2003) weltbekannt. „Origin“ ist sein fünfter Robert-Langdon-Roman.Foto: AFP/Barrera



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Vier Jahre hat sich Dan Brown für seinen neuesten Bestseller Zeit gelassen. Und was soll man sagen? Neu erfunden hat sich der 1964 in New Hampshire geborene Schriftsteller in dieser Zeit nicht. „Origin“ – der Roman erschien, wie es sich für globale Blockbuster gehört, zeitgleich in mehr als 50 Sprachen – folgt dem Muster, das Brown mit den „Illuminati“ (2000) und „Sakrileg“ (2003) etabliert hat. Und das man, der Einfachheit halber, eine bildungsbeflissene Schnitzeljagd nennen könnte. Waren es in „Inferno“ (2013), Browns bislang letztem Roman um Robert Langdon, die Bilderwelt der Hochrenaissance und – als aktueller Aufhänger – die Angst vor Überbevölkerung, die dem Symbologie-Professor verblüffende Schlussfolgerungen abnötigten, so ist der Mix an Quell- und Quasselmaterial diesmal eklektischer: William Blake redet genauso ein Wörtchen mit wie Charles Darwin, Friedrich Nietzsche, Winston Churchill, Paul Gauguin und Antoni Gaudí. Letzterer lieferte auch die Kulissen für die Hatz nach Hinweisen, die Langdon samt weiblichem Adabei – diesmal heißt sie Ambra Vidal – unter anderem nach Barcelona und dort in die Sagrada Familia und die Casa Milà lotsen. Brown-Bücher sind immer auch atemlose Reiseführer.

Das zentrale Rätsel in „Origin“ ist dabei das denkbar größte: Ein millionenschwerer Futurologe will die Frage nach Ursprung und Zukunft allen Lebens beantwortet haben. Die Präsentation seiner Erkenntnis im Guggenheim-Museum in Bilbao überlebt Edmond Kirsch allerdings nicht. Langdon muss nun nicht nur den Mord an seinem alten Freund aufklären, sondern auch dessen Geheimnis publik machen. Nur auf sein fotografisches Gedächtnis und den einen oder anderen Geistesblitz muss er sich dabei nicht verlassen. Von Kirsch hat er einen digitalen Einflüsterer, die Speerspitze in Sachen künstlicher Intelligenz, geerbt. Und wenigstens diese körperlose Watson-Figur – Brown nennt sie Winston – wirkt alles andere als unwahrscheinlich. Fragwürdiger hingegen erscheinen manche Plotwendungen um zürnende Kleriker und sterbende Monarchen. Doch Brown meistert auch Fragwürdigstes in einem Höllentempo. Noch bevor man sich fragen kann, was das alles soll, ist Langdon schon wieder ganz woanders. Nur die Online-Community hält mit dem rasenden Rätselknacker Schritt. Die nächtliche Jagd durch Bilbao und Barcelona wird von Live-Tickern begleitet – und gerade die Allgegenwart echter und falscher „News“ macht nicht nur dem Helden das Leben schwer. Die von Echtzeitmeldungen befeuerte Hysterie scheint für das menschliche Miteinander bedrohlicher als die alles umwälzende, aber im Grunde versöhnliche Botschaft von Edmond Kirsch.

Thriller Dan Brown: Origin. Aus dem Amerikanischen von Axel Mertz. Lübbe, 670 Seiten, 28 Euro.