Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.11.2017


“Briefe an Véra“

Vladimir Nabokov, der Fallensteller

Ein Monument der Literaturgeschichte: Mit den nun erstmals veröffentlichten „Briefen an Véra“ ist die große, 24-bändige Vladimir-Nabokov-Werkausgabe abgeschlossen.

© Fondation Horst Tappe/picturedesVladimir Nabokov auf Schmetterlingsjagd 1971 in den Schweizer Bergen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Das Vorhaben war schon 1989 ein Ambitioniertes: Binnen sieben Jahren sollte Vladimir Nabokovs Gesamtwerk auf Deutsch vorliegen. Herausgeber Dieter E. Zimmer – ehemaliger Feuilletonchef der Wochenzeitung Die Zeit – ging damals von 22 Bänden aus. Die beiden letzten, Nabokovs „Vorlesungen über europäische Literatur“ und die über Cervantes’ „Don Quijote“, sollten 1996 erscheinen. Gedauert hat alles letztlich mehr zwei Jahrzehnte länger. Jetzt ist mit der Veröffentlichung von Nabokovs privaten Briefen an seine Frau Véra die vorbildlich edierte Werkausgabe abgeschlossen.

Und geworden sind es letztlich nicht 22, sondern 24 voluminöse Bände. Oder 25. Das bisweilen missachtete dramatische Werk Nabokovs und der Drehbuchentwurf für Stanley Kubricks Verfilmung seines bekanntesten Romans „Lolita“ teilen sich den Ausweis als 15. Teil der insgesamt rund 19.000 Druckseiten umfassenden Reihe. Ein kleines Verwirrspiel, das dem vielleicht größten Fallensteller der Weltliteratur fraglos gefallen hätte.

Als Vladimir Nabokov 1977 in Montreux starb, wo er seit 1961 mit Véra eine Suite im mondänen Palace-Hotel am Ufer des Genfer Sees bewohnte, war er einer der berühmtesten Autoren seiner Zeit. Doch der Ruhm kam spät – und er kam mit einem Roman, dessen Manuskript er, eine Legende vielleicht, am liebsten verbrannt hätte. Véra rettete „Lolita“ vor dem Feuer – und es brauchte ein Gerichtsverfahren, bis der 1955 zunächst in der auf Pornografisches spezialisierten Pariser Olympia-Press erschienen Roman als „literarisches Werk“ erkannt und als Meisterwerk gefeiert werden konnte. Da war Nabokov bereits 56 Jahre alt, unterrichtete an einem amerikanischen College und wurde zwar von seinen Studenten (darunter Thomas Pynchon), manchem Schriftsteller und einigen russischen Emigranten geachtet, aber kaum gelesen.

Das Skandalon „Lolita“ überschattete alles, was Nabokov fortan schrieb – und es überstrahlte alles, was er bis dahin geschrieben hatte. Wobei sich der Autor einen Spaß daraus machte, die Erwartungen seiner sprunghaft gewachsenen Leserschaft zu unterlaufen. „Fahles Feuer“ (1961), das Buch, das er nach „Lolita“ schrieb – die witzig-berührende Campus-Novel „Pnin“ (1957) entstand, quasi als Lockerungsübung, zeitgleich zu seinem Bestseller – ist einer der hinterlistigsten Witze der Literaturgeschichte: ein hermetisches Langgedicht eines fiktiven Poeten samt verwegen verschwurbeltem Kommentar eines fiktiven Herausgebers, der sich in mörderische Widersprüche verwickelt. Das Attribut „postmodern“ war noch nicht etabliert, da setzt ein mit allen Wassern gewaschener Erzähler der Postmoderne bereits die Narrenkappe auf. Schon mit „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ (1941), dem ersten englischsprachigen Roman des 1899 in St. Petersburg geborenen und 1918 aus dem revolutionären Russland geflohenen Schriftstellers, spielte lustvoll mit dem engen Korsett des konventionellen Realismus – und stellte seine Fiktion als Fiktion aus.

Dass sich Nabokov auch privat aufs Verrätseln verstand, zeigen die nun erstmals auch auf Deutsch vorliegenden „Briefe an Véra“: Wie in seinen Büchern legt er falsche Fährten und inszeniert kunstvolle Maskeraden. Der Hintergrund für den privaten Schabernack ist freilich ein ungemein ernster. Im Berlin der 1930er-Jahre, wo Vladimir und die Halbjüdin Véra mehr schlecht als recht über die Runden kamen, galt es, potenzielle Einkünfte von Veröffentlichungen im Ausland zu verschleiern. In dieser Zeit schrieb Nabokov auch seinen bedeutendsten russischen Roman, die Emigranten-Erzählung „Die Gabe“, dessen deutsche Erstübersetzung 1993 zu den größten Verdiensten der an Verdiensten reichen Werkausgabe zählt. Schon hier arbeitet sich Nabokov an seinen Lebensthemen Verlust und Verzauberung ab – und entwirft eine Welt, deren Schönheit mindestens so trügerisch ist wie die bisweilen eit­len Gewissheiten, die er seine Figuren behaupten lässt.

Dass Gewissheiten nicht zu trauen ist, wusste wohl Vladimir Nabokov von Geburt an. Schließlich kursieren gleich drei beglaubigte Geburtsdaten von ihm. Und alle drei – 10., 22. und 23. April 1899 – stimmen. Warum das so ist, kann man unter anderem im köstlichen Interview-Band „Deutliche Worte“ nachlesen. Und lernt dabei auch, dass Interviews mit Nabokov ein einigermaßen kompliziertes Unterfangen waren. Monate vor dem Gespräch mussten die Fragen schriftlich eingereicht werden – und der Meister bereitete schriftliche Antworten vor. Sollte es dann noch nötig sein, könne man sich ja immer noch treffen. Um den Schein zu waren. Pro forma gewissermaßen.

Briefe Vladimir Nabokov: Briefe an Véra. Deutsch von Ludger Tolksdorf. Rowohlt, 1147 Seiten, 41.20 Euro.