Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.11.2017


Literatur

Die poetische Logik einer kranken Psyche

Nüchtern und doch empfindsam beleuchtet Elias Hirschl in seinem dritten Roman psychische Abgründe.

© ForisÖsterreichs "Slam-Wunderkind" Elias Hirschl hat einen neuen Roman geschrieben: eine schwarze Komödie mit mitreißenden Akteuren.



Von Anja Larch

Innsbruck – „Seitenweise Originalzitate. All das steht auf den Notizblättern. Mutmaßungen, Annahmen, wilde Spekulationen. Ein ganzer Roman, quer über den Raum verteilt.“ Gegen Ende von Elias Hirschls neuem Roman „Hundert schwarze Nähmaschinen“ zerreißt der Protagonist sein Notizbuch – und verteilt die Seiten auf dem Boden. Während seiner Zeit als Zivildiener in einer WG für psychisch Kranke hat er das, was er sah, aufgeschrieben. Und der „Zivi“ war ein aufmerksamer Beobachter: Die Bewohner der WG kommen einem fast unangenehm nahe, so plastisch werden sie und ihre Verhaltensweisen beschrieben.

Wenn etwa von – „Klienten“ werden, ob der nötigen Distanz, nur mit Nachnamen angesprochen – einer Frau Brandner erzählt wird. Die rammt sich „an einem weniger guten Tag“ schon mal ihre geliebte „Best-of-Schlager-Vol.-27-CD“ in den splitternackten Leib und schaufelt sich in der Waschküche genüsslich Waschpulver in den Mund. Hirschl versteht es, groteske Situationskomik ins beinahe Surreale zu steigern. Das abseitige Humorpotenzial verstörender Szenen kostet der 23-jährige Wiener, der im Roman auch eigene Zivildienst­erfahrungen verarbeitet, aus.

Immer wieder wechselt er beinahe beiläufig die Erzählperspektive. Kindheitserinnerungen der Betreuten, die eine sogartige Wirkung entwickeln, vermischen sich mit dem, was der Zivi sieht. Dass sich aus diesen Erinnerungen Erklärungen und damit eine Art „Logik hinter den Krankheiten“ ergeben, hält Betreuerkollege Berni, der die Notizen, die Roman wurden, bereits im Roman zu lesen kriegt, für einen Trugschluss. Zusammenhänge aus dem Nichts herzustellen, sei gefährlich, warnt er. Auch weil sich die Beziehung zwischen Zivi und Klient und die zwischen Text und Leser dadurch bedrohlich vertieft. Letzteres freilich ist gerade das, was Elias Hirschls kunstvoll verschachtelten Roman zum großen Geschenk macht.

Buchtipp Elias Hirschl: Hundert schwarze Nähmaschinen. Jung und Jung, 330 Seiten, 24,70 Euro. Lesung: Elias Hirschl liest am Montag, 6. November, gemeinsam mit Mario Schlembach („Dichtersgattin“) im Literaturhaus am Inn. Beginn: 19 Uhr.




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