Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.11.2017


Literatur

Geschichten als Genesung vom Dauerkater des Daseins

In John Burnsides Roman „Ashland & Vine“ spiegelt sich die große Geschichte in kleinen Geschichten. Am Donnerstag präsentiert er ihn in Innsbruck.

© WeingartnerDer Schotte John Burnside zählt zu den bedeutendsten Erzählern und Lyrikern der Gegenwart.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Bei einem Autor, der zu Recht als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Generation gilt, benennen Namen nicht nur, sie haben poetologisches Gewicht. Das nicht näher verortete US-Kaff, in dem die zahllosen Geschichten, die der Schotte John Burnside seine Figuren in seinem neuen Roman „Ashland & Vine“ erzählen lässt, zusammenfließen, heißt Scarsville. Und dieser Name ist, wie es so schön heißt, Programm: Es geht um die Wunden, die der Lauf der Welt in mancher Menschen Leben schlug – und darum, was davon bis heute sichtbar geblieben ist.

Burnsides Protagonistin Kate zum Beispiel taumelt dauerverkatert durchs Dasein. Sie trauert ihrem Vater nach, lebt in einer bisweilen parasitären Beziehung mit einem großkotzigen Videokünstler, der die Inhaltsleere seiner „Projekte“ mit Kuratorengewäsch auskleidet – und sie säuft.

Jedenfalls bis sie im Zuge eines demütigenden Rechercheauftrags – sie soll mittels Fragenkatalog Scarsvilles Bewohnern ihre Lebensgeschichten entlocken – auf die etwa 70-jährige Jean stößt.

Jean erkennt sofort, dass Kate bedrohlich nah am Abgrund balanciert. Sie werde ihr ihre Geschichte erzählen, verspricht sie. Aber nur unter einer Bedingung: Kate muss nüchtern bleiben.

Letztlich ist es also eine bereits in den „Geschichten aus 1001 Nacht“ erprobte Konstellation, die Burnsides Roman seine Form gibt. Wie Scheherazade mittels Erzählungen den König von weiteren Hinrichtungen abhält, hält Jean Kate von der Flasche fern. Im Grunde ist „Ashland & Vine“ die Geschichte einer doppelten Genesung. Denn auch die Erzählerin, der wohl nicht immer zu trauen ist, scheint durch die Vergegenwärtigung ihrer Vergangenheit aufzublühen. Obwohl die Geschichten selbst alles andere als erbaulich sind. Auch sie musste ihren Vater, einen aufrechten Anwalt, früh zu Grabe tragen. Er wurde in einer verrufenen Ecke von Scarsville – der titelgebenden Kreuzung Ashland/Vine – erschossen. Ihr Bruder Jeremy hat den Mord beobachtet – ein Trauma, das das Leben des Jungen nachhaltig prägte. Die Motive für die Tat übrigens bleiben im Dunkeln.

Jeans eigenes Trauma hingegen war der Verlust ihrer Lebensliebe Lee, die sich gegen ihr geheim gehaltenes Glück und für einen prügelnden Ehemann entschied.

Zusehends bohren sich Jeans Erzählungen tiefer hinein in die Geschichte des 20. Jahrhunderts: Jeremy kämpfte im Zweiten Weltkrieg, in Frankreich erlebte er das Morden der SS, in Ostasien eine Form der Kriegsführung, die jene gut zwei Jahrzehnte später in Vietnam vorwegnahm. Jeremys Tochter Jennifer radikalisierte sich in den USA der 1960er-Jahre politisch – und schloss sich den militanten Aktivisten der „Weathermen“ an.

Bisweilen gerät die Spiegelung der kleinen Geschichten, die für sich genommen beeindruckende „short stories“ abgeben würden, in der großen etwas plakativ. Nicht alle Wendungen, die der Erzählstrom nimmt, wirken plausibel. Ein Umstand, der auch der auf dem Trockenen sitzenden Zuhörerin zu denken gibt.

Seine großen Stärken freilich entwickelt „Ashland & Vine“ auf der sprachlichen Ebene: Burnsides Schilderungen strotzen vor Atmosphäre, seine Sätze bestechen durch leichtfüßige Eleganz und manche Metaphern bleiben einem noch lange nach der Lektüre im Hirn. Mitunter tritt in diesem Loblieb auf die Kraft des Erzählens also gerade das Erzählte in den Hintergrund. Der große Schwachpunkt eines gewichtigen Romans. Und seine große Stärke.

Roman John Burnside: Ashland & Vine. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus, 413 Seiten, 24,70 Euro. Lesung: John Burnside liest am Donnerstag, 9. November, in der Wagner’schen. Beginn: 19.30 Uhr.




Kommentieren


Schlagworte