Letztes Update am Di, 06.02.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Felix Mitterer im Interview: „Die Geschichten finden mich“

Felix Mitterer wird heute 70. Anstatt zu feiern, steht er in der Josefstadt auf der Bühne. Mit der TT hat der Dramatiker über seine neue Autobiografie, trügerische Erinnerungen und Humor als Distanzierungsmöglichkeit gesprochen.

© APA„Die Wirklichkeit ist unglaublicher als alles, was ich dazuerfinden könnte“, sagt Felix Mitterer, der kürzlich seine Autobiografie veröffentlicht hat.



Ein Bekannter hat mir kürzlich erzählt, dass er in Innsbruck in den 1970er-Jahren eine Zeit lang unter einem – Zitat – „Narrischen wohnte, der die ganze Nacht in die Schreibmaschine hämmerte“. Dieser Narrische hieß Felix Mitterer.

Felix Mitterer: So ist es noch heute. Die Nacht gehört dem Schreiben. Da ist Ruhe. Niemand ruft an. Nichts lenkt ab. Ich bin ja sonst immer gern bereit, mich ablenken zu lassen. Deshalb arbeite ich in der Nacht.

Sie sagen: arbeiten. Ist Schrei­ben Beruf oder doch Berufung?

Mitterer: Es ist das, was ich immer machen wollte. Aber es ist Arbeit. Man muss sich dafür hinsetzen und etwas tun. Ein Lyriker mag vielleicht vom Einfall leben. Aber bei mir ist das anders, ich sammle Material, recherchiere, lerne und dann muss ich sitzen und schreiben – bis es sich zusammenfügt, eine Fassung kriegt.

Zuletzt haben Sie Ihre eigene Lebensgeschichte geschrieben. Das Buch „Mein Lebenslauf“ ist gerade erschienen.

Mitterer: Das war eigentlich nicht geplant. Der Haymon-Verlag wollte ein Buch über mich machen – aber mich nicht damit belasten. Michael Forcher, mein langjähriger Verleger, sollte es schreiben. Ganz einfach: Wir treffen uns ein paarmal – aber ich hab’s immer wieder aufgeschoben. Ehrlich gesagt: Wirklich interessiert hat mich das alles nicht. Dann haben wir uns doch getroffen, zehn Minuten geredet – und Michael hat gesagt: „So geht das alles nicht. Du bist der Schriftsteller.“ Er hatte natürlich Recht: Erzählen ist etwas anderes als schreiben. Schreiben heißt auch nachdenken, nachfragen, nachschauen. Da fallen einem plötzlich Dinge ein, die man lange vergessen hatte – und Sachen, die man immer ganz klar vor Augen hatte, halten dieser Überprüfung nicht stand.

Zum Beispiel?

Mitterer: Man muss mit der eigenen Erinnerung vorsichtig sein. Man neigt zur Legendenbildung. Ich habe mich immer als merkwürdiges Kind empfunden, als Außenseiter. Gleichaltrige hatten diesen Eindruck nicht: Ich hätte zwar mehr gelesen als sie, aber wirklich anders sei ich nicht gewesen. Dafür erinnern sie manches, gerade die Grausamkeiten meiner verbitterten Mutter, die ich verdrängt habe. So setzt sich auch Bekanntes zu neuen Bildern zusammen.

Hat diese autobiografische Arbeit Ihren Blick auf Ihr Leben verändert?

Mitterer: Meine Hochachtung vor Prosaautoren ist gewachsen. Ein Stück oder ein Drehbuch hat vielleicht 100 Seiten, die Autobiografie mehr als 500. Eines ist klar: Das tu’ ich mir nicht mehr an. Trotzdem: Ich bin sehr froh darüber, das Buch geschrieben zu haben.

Neben dem Menschen und Dramatiker Felix Mitterer gibt es – gerade in Tirol – auch die Angriffsfläche Felix Mitterer.

Mitterer: Vor Jahren, als ich noch in Irland lebte, gab es wohl einmal ein Treffen von Kulturleuten mit dem Titel: „Mehr als Mitterer“. Oder so ähnlich. Aber, was soll ich dazu sagen. Ich wollte nie jemandem etwas wegnehmen – und freue mich für jeden, der Erfolg hat.

Mir fällt dazu ein Spruch ein, den ich kürzlich im Landestheater hörte: „Was ist bitter? Kranewitter. Was ist bitterer? Mitterer.

Mitterer: Der stammt ursprünglich von Kurt Weinzierl. Von Weinzierl habe ich viel gelernt. Nicht zuletzt, dass Humor die beste Distanzierungsmöglichkeit ist. Ich bin jemand, der sich relativ wenig aufregt. Auch über Kritiken nicht. Und ich wurde immer wieder scharf kritisiert. Schon als ich „Kein Platz für Idioten“ in Wien spielte, gab es böse Verrisse. Ich habe sie gelesen, war kurz gekränkt, aber einen Tag später musste ich ja wieder auf die Bühne. Oder ich schrieb schon am nächsten Stück. Das muss man aushalten, wenn man schreibt. Die Kritiker müssen es dafür aushalten, jeden Abend ins Theater zu gehen. Das könnte ich nicht. Letztlich entscheidet sowieso das Publikum. Mein Stück „Ein Jedermann“ an der Josefstadt mit Helmuth Lohner bekam furchtbare Kritiken – und war 70-mal in Folge ausverkauft.

Also wird der Einfluss von Kritiken überschätzt?

Mitterer: Die Jedermann-Verrisse hatten Folgen: In München, wo das Stück auch gespielt werden sollte, wurde es vom Spielplan genommen, weil die Schauspieler die Wiener Kritiken zu Gesicht bekamen.

Ihre Autobiografie ist auch ein Stück Tiroler Theatergeschichte. Gibt es ein Stück, das Ihnen besonders viel bedeutet?

Mitterer: Natürlich ist immer das, was ich gerade schreibe, das Wichtigste. Aktuell auch, weil ich, nicht zuletzt wegen der Autobiografie, einmal mehr spät dran bin. Für mich persönlich ist sicherlich auch „Kein Platz für Idioten“ wichtig. Damit hat ja alles begonnen. Das Schreiben, das Spielen. Durch beides habe ich viel gelernt: Erst als ich als Wastl auf der Bühne stand, habe ich verstanden, dass es auch meine Geschichte war, die ich da geschrieben habe: Ich war vielleicht nicht im eigentlichen Sinne behindert, aber ich habe mich als behindert empfunden. Als einer, der nicht dazugehört, der anders ist. Das ist mir beim Schreiben nicht in den Sinn gekommen.

Das Stück kam zur richtigen Zeit: Neues Volkstheater war damals en vogue. Es war auch die große Zeit von Franz Xaver Kroetz und Peter Turrini.

Mitterer: Die waren bereits da. Aber ich ging meinen eigenen Weg. Kroetz hat sich öffentlich exponiert, als Bürgerschreck und Kommunist. Das war auch ein Stück weit Spiel, aber nicht nur. Auch Turrini hat immer wieder zu politischen Themen Stellung genommen. Ich war da zurückhaltender. Mir ging es um die Figuren und die Geschichten. Deshalb hab ich auch immer wieder historische Stoffe verarbeitet: Ich wollte wissen, was damals passiert ist – und wie es ins Heute hereinwirkt.

Ihren Stücken, aber auch vielen Ihrer Fernseharbeiten liegen reale Begebenheiten zugrunde.

Mitterer: Ich bin kein Erfinder. Die Geschichten finden mich, verlangen, dass ich eine Form für sie finde. Es scheint mir unzweifelhaft, dass die Wirklichkeit unglaublicher ist als alles, was ich dazuerfinden könnte. Gerade die „Tatort“-Krimis boten mir die Möglichkeit, aktuelle Themen, die mich beschäftigten, anzusprechen.

Apropos aktuelle Themen: Österreich ist mit den letzten Nationalratswahlen weiter nach rechts gerückt.

Mitterer: Für Kulturschaffende ist das eine Katastrophe. Und für die, die der jetzigen Konstellation ihre Stimme gegeben haben, auch. Denn um deren Interessen wird es der neuen Regierung kaum gehen. Aber auch die Regierungsparteien werden sich noch wundern: Von der Oppositionsbank herüberschimpfen und immer neue Sündenböcke finden, ist eine Sache. Regierungsverantwortung haben, eine andere.

Kommen wir doch noch zum eigentlichen Anlass für unser Gespräch: Sie werden 70, aber anstatt zu feiern, stehen Sie heute Abend in der Josefstadt auf der Bühne.

Mitterer: Ja. Ich spiele, wie schon in Telfs, Kafkas „Ein Bericht für die Akademie“. Der Affe Rotpeter ist meine letzte Rolle – und heute Abend die letzte Vorstellung. Das ist ein Trick: Ich kann damit der Verpflichtung zu Feiern entgehen. Ich arbeite. Und mit denen, die danach noch da sind, kann ich trotzdem anstoßen.

Das Gespräch führte Joachim Leitner