Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.02.2018


Literatur

Roberto Saviano: In eine tintenschwarze Welt geboren

Der neapolitanische Schriftsteller Roberto Saviano beschreibt in rauer Sprache, wie die Mafia junge Menschen unter ihre Fittiche nimmt.

© AFPWegen seiner literarischen Reportagen über die Mafia erhielt Roberto Saviano Morddrohungen. Seit 2006 steht er unter Polizeischutz.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Mitten in dunkler Nacht fährt ein Boot, das sich „Paranza“ nennt, hinaus aufs Meer. Die Fischer haben elektrische Lampen, mit denen sie in den Meeresgrund hinableuchten. Damit locken sie junge, neugierige Fische an. Mit dem künstlichen Licht wird ihnen ein leuchtender Tag vorgegaukelt. Unversehens landen die Fischlein im Netz. Das Licht geht aus. Ihr kurzes Leben ist vorbei.

So beginnt der neue Roman „Der Clan der Kinder“ des 1979 geborenen, neapolitanischen Journalisten Roberto Saviano. Seit vielen Jahren legt Saviano in seinen literarischen Reportagen die dunklen Machenschaften der Mafia offen. Für seine couragierte Arbeit musste der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller einen hohen Preis bezahlen. Nach wiederholten Morddrohungen von Seiten der Camorra steht er unter permanentem Personenschutz und muss im Untergrund leben.

Die Hauptfigur in Savianos neuem Roman wird von banalen Wünschen getrieben. Der 15-jährige Schüler Nicolas will nach oben. Deshalb muss er raus aus den bescheidenen Verhältnissen, in denen er mit seinen Eltern und mit seinem Bruder lebt.

Zu seinem Vater hat Nicolas keinen Draht. Dem gutmütigen, aber unambitionierten Sportlehrer mit schlechtem Einkommen kann er nichts abgewinnen. Er steht auf „echte“ Kerle in Designerklamotten, die nicht davor zurückschrecken, sich mit Gewalt Respekt zu verschaffen.

Nicolas besorgt sich also eine Pistole, denn er will unabhängig sein. Bisher war er nur ein Handlanger. Um Geld zu verdienen, musste er für den Capo seines Viertels, „Capocabana“, Drogen verkaufen. Nun überfällt er mit seinen Kollegen Trafiken und Bars. Die Jungs wollen Kohle scheffeln und im Nobellokal „Nuovo Maharaja“ am Posillipo ein und aus gehen. Angst vor dem Jugendgefängnis hat keiner von ihnen. Je früher man dorthinkommt, desto schneller wird man zum Mann.

Die berufstätigen Eltern ahnen von den Machenschaften ihres Sohnes nichts. Die Mutter zieht sich in ihre Wäscherei zurück, schwelgt in den Kinderfotos ihrer beiden Söhne, doch zwischendurch kriecht Angst in ihre Knochen. Sie erinnert sich daran, dass ihr Sohn Nicolas schon im zarten Alter Zeuge eines Mafiamordes auf offener Straße wurde.

In Neapel, so schreibt Saviano, „gibt es keinen geschützten Weg zum Heranwachsen: Man wird schon in der Wirklichkeit geboren, mittendrin, entdeckt sie nicht erst nach und nach.“ Nicolas gaukelt seiner Mutter eine heile Welt vor, obwohl schon längst Blut an seinen Fingern klebt. Dem intelligenten Jungen gelingt es, sich gegen eine Horde von Dummköpfen durchzusetzen. Er entwickelt diffizile Strategien, durchschaut Machtstrukturen. Als Capocabana ins Gefängnis muss, scheint Nicolas’ Sternstunde gekommen zu sein.

Schonungslos beschreibt Saviano den alternativlosen Lebensweg eines Jugendlichen, dessen Weltbild von den Stereotypen einer neapolitanischen Mafia-Welt geprägt wird. Nicolas verfängt sich in diesem Netzwerk, das schließlich auch seinen Charakter verrohen lässt. Er wird zum Fürsten des Kinderclans geadelt und bekämpft seine Feinde, bis es dunkel wird.

Roman Roberto Saviano: Der Clan der Kinder, Hanser, 416 Seiten, 24,70 Euro.