Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.03.2018


Literatur

Die Suche nach dem echten Leben

Die Schriftstellerin Barbara Aschenwald muss nicht in die Ferne schweifen, um das Besondere zu finden. Sie hat mit ihrem Erzählband der Gemeinde Galtür ein Denkmal von zeitloser Schönheit gesetzt.

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Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – „Sie schaute auf die wenigen Häuser des Ortes, die sich um die Kirche drängten, wie Kinder um eine Mutter, die Kekse austeilt.“ Die 1982 in Schwaz geborene Tiroler Schriftstellerin Barbara Aschenwald beschreibt in dieser einprägsamen Textstelle unverkennbar das Dorf Galtür im Paznauntal mit seiner imposanten Berglandschaft.

Bereits vor zehn Jahren verbrachte die Schriftstellerin als Stipendiatin einige Zeit im Tal. Schon damals hat sie sich für die Geschichten der Dorfbewohner interessiert und diese in eine Erzählung mit dem Titel „Die Geschichte von den Lebenden und den Toten“ einfließen lassen. Der Titel deutet an, dass Aschenwald möglicherweise die Lawinenkatastrophe von Galtür am 23. Februar 1999, die zahlreiche Menschenleben forderte, literarisch darin verarbeitet hat, doch dem ist nicht so.

„Ich hoffe, meine Tür zu dem seltsamen, eigensinnigen, dem Leben zugewandten Dorf Galtür bleibt offen“, Barbara Aschenwald
 (Schriftstellerin).
- Marco Grundt

Aschenwald hat dieses traumatische Ereignis, wie sie selbst sagt, „bewusst ausgespart“. Ihr ging es vielmehr darum, etwas „menschlich Allgemeingültiges“ herauszuarbeiten. Offenbar wollte sie die Dorfbevölkerung nicht wieder mit dieser schmerzvollen Erinnerung konfrontieren, alte Wunden aufreißen.

Vor zwei Jahren ist Aschenwald nach Galtür zurückgekehrt und hat Geschichten und Anekdoten des Ortes in ihrem aktuellen Erzählband „Lichter im Berg“ (Hoffmann und Campe) eingefangen.

Die insgesamt dreizehn Texte – in denen die Katastrophe von einst wieder bewusst ausgespart wird – kreisen um existenzielle Fragen des Lebens. Aschenwald überrascht dabei durch ihre sprachliche Wandlungsfähigkeit, einmal sind es poetisch-märchenhafte Stimmungen, die sie detailverliebt beschreibt, dann wieder sind es messerscharfe Szenen, die sich eher an der Sprache einer Elfriede Jelinek orientieren.

Die Erzählung „Ausserwind“ zum Beispiel handelt von Mattea, einer überarbeiteten Mutter, die mit ihrem Mann eine Frühstückspension führt. Sie ist von ihrer Nachbarin genervt. Die ein wenig zu gut geschminkte junge Witwe weint bei offenem Fenster. Mattea besucht die Frau mit der Absicht, sie zurechtzuweisen, doch es kommt zu einer überraschenden Wende.

Aschenwald gibt ihren Figuren Entfaltungsspielraum, lässt sie zweifelnd suchen und offenbart kenntnisreich seelische Verletzungen, die nachhaltig berühren. Immer wieder taucht in den Erzählungen die drängende Frage nach der Lebenszufriedenheit auf, die niemanden kalt lässt. Ist man im richtigen Leben gelandet oder sollte man sich nach etwas Besserem umsehen?

Die Natur ist Aschenwalds literarische Bühne, gekonnt visualisiert sie seelische Vorgänge, darüber hinaus dient sie ihren Protagonisten auch als Zufluchts- und Sehnsuchtsort. Jedes Motiv, das sie aufgreift, ist fein gearbeitet, sei es ein Fichtenwald in der spätherbstlichen Sonne, die Überreste des Schnees im Frühling oder der aufziehende „buttermilchartige“ Nebel. Die Naturereignisse, der Schneefall, aber auch die Sonnenstrahlen, die an den Baumwipfeln entlangschleichen, passen zur psychischen Verfassung ihrer Figuren.

Beim Lesen steigt förmlich der Geruch von heimeligen Almwiesen in die Nase und löst eine Sehnsucht danach aus, dem urbanen Leben den Rücken zu kehren, nach Galtür zu fahren, denn plötzlich will man „nirgendwo anders sein auf dieser Welt“.