Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.03.2018


Literatur

Freude am Strafen hat nur der Teufel

In seinem jüngsten Buch „Strafe“ erörtert Ferdinand von Schirach neuerlich, dass es kein Schwarz-Weiß, kein unzweifelhaftes Gut oder Böse gibt. Und er stellt eine der philosophischen Grundfragen: Was ist Wahrheit?

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Von Alexandra Plank

Innsbruck – Das Thema Strafe und welche Bedeutung sie in unseren westlichen Demokratien hat, war erst unlängst wieder Inhalt des Talkformates „Hart aber fair“ im deutschen Fernsehen. Während der deutsche Schriftsteller Jean Paul (1763–1825) schon vor Jahrhunderten postulierte: „Freude am Strafen hat nur der Teufel“, wird vielfach von Experten behauptet, Strafe könne sowohl zur Läuterung beitragen als auch als Abschreckung für potenzielle Täter dienen.

Ferdinand von Schirach, einst Strafverteidiger, heute erfolgreicher Schriftsteller, nennt sein jüngstes Buch mit zwölf Fallgeschichten schlicht und wohl ironisch „Strafe“. Schnell wird nämlich bei den mit großer erzählerischer Verve vorgebrachten Erzählungen klar, es geht ihm nicht darum zu urteilen. Vielmehr durchleuchtet der Deutsche die DNA so manchen Täters und versucht zu sezieren, was Menschen zu Tätern werden lässt.

Schirach weckt Sympathie für die Gestrauchelten und lässt beim Leser den Keim eines Verdachtes sprießen: dass nämlich er, der Leser, wohl unter gewissen Umständen ähnlich radikal zu handeln im Stande wäre wie der Protagonist im Buch. Seitdem der ehemalige Strafverteider vor knapp zehn Jahren die beruflichen Seiten wechselte und mit „Verbrechen“ seinen ersten so genannten „Stories“-Band veröffentlichte, hat sich viel getan. Er wurde zu einem Literatur-Star, auch auf internationaler Ebene. Ein Teil des Erfolges ist darauf zurückzuführen, dass es der Autor schaffte, die Justiz, mit welcher der Bürger vorderhand lieber nichts zu tun hat, von den Verhandlungssälen zu den Menschen zu bringen.

Wer einmal eine Verhandlung, zumal wenn es um Kapitalverbrechen, so die umgangssprachliche Bezeichnung für schwere Straftaten, geht, live miterleben konnte, erkennt schnell: Das ist Dramaturgie in Reinkultur. Richter, Verteidiger, Angeklagter, Zeugen und Geschworene bekommen einen Platz zugewiesen, in welchem sie relativ frei agieren können. So nimmt einen nicht wunder, dass Schirach einen erdachten juristischen Fall in ein Theaterstück goss. „Terror“ zählt mittlerweile zu den erfolgreichsten Theaterstücken unserer Zeit.

Folgende Fiktion wird zur Gewissensfrage stilisiert: Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt die Piloten, Kurs auf ein voll besetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Theaterbesucher, sie müssen über Schuld oder Unschuld urteilen. 2016 wurde „Terror“ verfilmt, das Kammerspiel büßte dadurch viel an seiner Unmittelbarkeit ein, auch die Entscheidungsgrundlagen wurden nur noch verkürzt dargestellt. ORF, SFR und ARD sendeten zeitgleich und schufen so ein Fernseh­ereignis.

Zwangsläufig gab es im darauf folgenden umfassenden Diskurs auch massive Kritik am Autor. So analysierte etwa die Schriftstellerin Kathrin Röggla, was Ferdinand von Schirach mit seinem Stück „Terror“ bezweckt hat. Seine moralische Abwägung sei für sie „ein abstraktes Spiel“, das einer Debatte zuarbeitet, die sie nicht begrüßen kann. Es mache sie nervös, dass immer öfter über Dinge debattiert werde, die in der Verabschiedung der Menschenrechte, der UN-Charta und den Grundgesetzen längst verankert seien. „Es macht mich nervös, wenn in der Hierarchie der öffentlich gestellten Fragen die unwahrscheinlichsten, absurdesten ganz oben stehen und dann noch in der objektivistischen Maske des Juristischen, die heute gern im Literaturdiskurs wieder hochgehalten wird, wenn man etwas verbindlich Politisches sagen möchte, vermeintlich ohne politisch zu sein“, so Röggla.

Wenn man den Hammer am Richterpult lässt und Schirach, der als Gebrauchsdramatiker seine Meriten hat, nicht zwanghaft gleich mit Kleist zu vergleichen sucht, haben Schirachs Gedankenspielereien ihren Reiz.

In seinem neuen Buch ist Einsamkeit wieder ein zentrales Thema. Ein Problem, das für manche Menschen zur Höchststrafe werden kann. Die letzte Erzählung erfolgt aus der Perspektive des Ich-Erzählers. Sie ist mit „Der Freund“ übertitelt und handelt nach Angaben des Autors von ihm selbst und erkläre, warum er schreibt.

Schirach schildert, wie sich sein Jugendfreund Richard aus Schuldgefühlen über den gewaltsamen Tod seiner Frau absichtlich zu Grunde richtet. „Vielleicht hast du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld. Aber es gibt eine Strafe“, habe Richard zu ihm gesagt. Dies sei für ihn der Auftakt seiner schriftstellerische Karriere gewesen.