Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.05.2018


Innsbruck

Hinter den Kulissen eines Tiroler Krimis

Tatort Bücherrunde: Die Literaturfreunde eines Buchtreffs wollten hinter die Kulissen eines Kriminalromans blicken – und luden den Autor Joe Fischler sogleich zum Kreuzverhör.

© Foto Rudy De Moor / Tiroler TageDie Leser löcherten Joe Fischler (hinten Mitte) mit Fragen, und der Autor ließ tief in seine Autoren-Seele blicken.Foto: Rudy De Moor



Von Anna-Carina Wanker

Innsbruck – Es ist dunkel in der Innsbrucker Anichstraße, zwei einsame Fußgänger eilen über den nassen Zebrastreifen, eine Straßenlaterne wirft gelbes Licht auf den glänzenden Asphalt vor dem Eingang des Leokinos. Heimlich schlängelt sich hier ein junger Mann im Mantel durch die Glastüre und biegt auf verdächtig leisen Sohlen ganz plötzlich nach links ab. „Zur Leobühne“ verrät ein Schild an einer schweren, schwarzen Türe. Und schon befindet sich der Mann im Mantel am Tatort!

Schließlich trifft sich hier monatlich eine ambitionierte Runde bunter Bücherwürmer, die unterschiedlichste Werke diskutieren. Hier nimmt also der Mann im Mantel Platz. „Hallo Luis!“, ertönt es heiter aus dem bestuhlten Saal. Rund um einen großen Tisch sitzen Vertreter verschiedenster Branchen, beispielsweise aus Optik, Boutique oder Dramatik (der Chef der Leobühne ist Teil der Bücherrunde). Und an diesem Mittwochabend auch ein Autor, Joe Fischler. Normalerweise liege der empfohlene Honorarsatz für eine Autorenlesung bei 350 Euro aufwärts, der Besuch dieser Bücherrunde sei aber ausnahmsweise „ohne Taxameter“, wie Fischler versichert. Vielmehr interessiere ihn das aufrichtige Feedback der Leser zu seinem aktuellen Kriminalroman „Veilchens Rausch“, dem vierten Abenteuer von LKA-Beamtin Valerie „Veilchen“ Mauser in Innsbruck, diesmal rund um die Umbrüggler Alm.

Er verbinde leidenschaftlich gerne fiktive Romanfiguren mit reellen Schauplätzen, gespickt mit politischen Nuancen und augenzwinkernder Kritik an Tiroler Eigenheiten.

Die Leser der Runde geraten sofort in ein ambitioniertes Gespräch: „In den 80er-Jahren ist auf dieser Alm ja wirklich ein Mord passiert!“, berichtet eine Leserin mit Gänsehaut. Sie habe dies als junges Mädchen mitbekommen und erinnere sich noch heute mit Schrecken daran. „Deshalb hat mich das Buch auch so gefangen“, gesteht sie – und erntet durchwegs Zustimmung. „Mir hat die Geschichte auch sehr gut gefallen“, sagt eine andere Teilnehmerin, „aber am liebsten mag ich die Charaktere.“

Fischler schmunzelt. „Ich habe in den Veilchen-Krimis sehr plakative Namen gewählt, Herr Freudenschuss beispielsweise ist Jäger. Da bin ich mittlerweile subtiler mit neuen Figuren, die dazukommen“, reflektiert der Autor ganz offen in der Runde. Man sei emotional mit den Darstellern eben sehr verbunden, spricht’s und liest auf Wunsch einige Seiten aus „Veilchens Rausch“ vor. „Es ist erstaunlich“, unterbricht Fischler kurz seine Lesung, „man erinnert sich nicht mehr an alles, obwohl man es selbst geschrieben hat. Ich überrasche mich also gerade selber!“

Und weiter geht’s im Text, der den meisten Teilnehmern bekannt ist und sich dennoch fremd anhört. „Bei mir hat sie im Kopf immer etwas anders geklungen, etwas härter“, berichtet ein Leser. Und seine Sitznachbarin sagt: „Wirklich? Nein, bei mir klang sie ganz weich.“ Dass sich jeder sein ganz eigenes Bild der Kommissarin macht, freut den Autor sehr. „So erwachen die Figuren zum Leben“, sagt er. Doch der ehemalige Bankmitarbeiter hat nicht nur Begeisterung in seiner Bilanz: „Das Feedback der Leser im Internet ist knallhart, aber sehr wertvoll für mich“, berichtet er – und erzählt von einer besonders effektiven Rückmeldung: „In einem Teil stand sinngemäß der Satz ,Ihre Dienstwaffe lag gesichert auf dem Sitz des Privatjets.‘ Da kam ein aufgebrachter Leserbrief mit den Worten: ,Die Glocks der österreichischen Polizei haben keine mechanische Sicherung! Ich empfehle Ihnen eine Waffenschulung.‘ Und die habe ich dann auch gemacht.“ Zudem genieße er regelmäßige Beratung und Unterstützung durch die Tiroler Polizei.

Fischler ist nun also schuss- und treffsicher – als Frauenversteher jedenfalls. „Dass ich aus der Sicht einer Frau schreibe, ist mir persönlich nie unpassend vorgekommen, im Gegenteil: Es konnte nur Valerie Mauser sein.“

Eine Teilnehmerin ist ob Veilchens zahlreicher Narben und Verletzungen etwas skeptisch, ob dies angesichts der Kripo-Arbeit in Innsbruck nicht etwas pathetisch sei? „In meinem Auftrag hat Veilchen viel mitgemacht“, erklärt der Autor die Figur. „Sie setzt sich stark für den Dienst für die Gerechtigkeit ein, sie ist einfach eine Frau fürs Grobe und in dieser Hinsicht sicherlich extrem.“ Aus dem Publikum wird ergänzt: „Außerdem will sie ja ganz offensichtlich anders sein als ihre Mutter!“

Nun wird die Komplexität sicht-, ja beinahe greifbar. Eine Leserin fragt: „Denkt man in Teil eins bereits daran, dass in Teil drei die verlorene Tochter auftaucht?“ Fischler denkt nach und antwortet: „Das ist höchstens eine lose Überlegung, vielleicht hat man es im Hinterkopf und das Wann ist noch offen. Als Autor starte ich mit einem Konzept, einer Idee aus Schauplatz, Menschen und Geschichte. Und aus diesen Bausteinen schreibt sich das Buch dann fast von alleine.“

Der passionierte Ukulele-Spieler brauche zwei Monate, um sich einen Roman auszudenken, und vier Monate, ihn zu Papier zu bringen. Bis dieser publiziert würde, vergehen weitere sechs Monate, und so liegt zwischen den Teilen in etwa ein Jahr. Ein leises Raunen geht durch die Runde – bald wäre es also wieder so weit? „Richtig. Anfang Juli erscheint ,Veilchens Show‘, hier ermittelt Valerie Mauser in der TV-Landschaft. Eine Fernsehshow kommt nach Tirol – eine Mischung aus Bauer sucht Frau und Bachelorette –, und dann stirbt ein Kandidat nach dem anderen“, gibt Fischler Einblicke in Veilchens Zukunft. 

Es ist nach 22 Uhr, der Abend neigt sich dem Ende zu. Drei Stunden Gespräch, zwei Gläser Weißwein und einmal Parkgeld nachwerfen liegen hinter dem sympathischen Autor und der ebensolchen Literaturrunde. Man verabschiedet sich voneinander, beide Seiten dankbar: für die Zeit, die anregenden Gespräche und das aufrichtige Interesse aneinander. Die Runde löst sich auf, man verabschiedet sich. Und jeder schreitet amüsiert und inspiriert aus dem Gebäude der Leo­bühne in die Nacht. Es ist dunkel in der Anichstraße in Innsbruck. Eine Straßenlaterne wirft gelbes Licht auf den glänzenden Asphalt vor dem Eingang des Leokinos.

Tiroler Krimiautor

Joe Fischler, geboren 1975 in Innsbruck, lebt als freier Autor und Musiker in der Nähe von Innsbruck. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und seiner Zeit als Führungskraft im Bankwesen hat er sich 2007 selbstständig gemacht – als Blogger und Sachbuchautor.

Für sein Debüt als Krimiautor wurde er im Oktober 2015 mit dem „Goldenen Buch“ des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels ausgezeichnet.