Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.05.2018


Literatur

Ein Vollbad in der Unterwelt

Im Roman „Schwere Knochen“ beschreibt David Schalko das Gauner-Milieu Wiens: ein schrill schillerndes Epos über Hunderte Seiten mit mancher sprachlichen Marotte.

© Ingo PertramerDas Böse ist bei David Schalko (Jg. 1973) derzeit immer und überall. Im neuen Roman "Schwere Knochen" zeichnet er eine Ganovenlaufbahn nach. In der TV-Serie "M" schickt er eine Stadt auf Mörderjagd.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Ein Vollbad im Morast der Unterwelt nimmt David Schalko in seinem neuen Roman „Schwere Knochen“. Fast 600 Seiten lang taucht der Wiener Autor und Filmemacher in das Verbrecher-Milieu seiner Heimatstadt ein. Die Jahre 1938 bis 1961, vom Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland bis in die Nachkriegsära, bilden den zeitlichen Rahmen. Es wimmelt nur so vor zwielichtigen Gestalten, die über Leichen gehen.

Für einen Frankisten, so heißt im Szenejargon ein Nichtkrimineller, nimmt sich dieser Kosmos menschlicher Nachtschattengewächse exotisch an. Doch Schalko suhlt sich lustvoll in diesem Ambiente. Seine Story ist nur zum Teil erfunden und trotzdem schier unglaublich. Eine Viper, als bizarres Präsent für die Geliebte gedacht, zischt der Beschenkten ohne Vorwarnung aus einer Schachtel angriffsbereit entgegen. Ein dressierter Affe greift zum Revolver und drückt ab. Ja, meine Herren: Wild trieben es die (alten) Ganoven!

Hauptfigur dieses Gauner-Epos ist ein gewisser Ferdinand Krutzler. Er ist ein Kind des Milieus, im Leben hat er nur eine Chance: selbst Teil des Milieus zu sein. Krutzler ist ein Koloss von einem Mann, zwei Meter groß. In der Unterwelt macht er sich als „Notwehrspezialist“ einen Namen . Er ist ein Serienkiller mit dem Messer, entwischt aber der Justiz, weil er seine Bluttaten als „Notwehr“ zu verschleiern vermag.

Um den Hünen Krutzler scharen sich mehrere Kompagnons. Zusammen räumen sie Häuser aus, geraten dabei allerdings an einen Nazi-Bonzen. Ein politischer Gauner lässt daraufhin einbrechende Gauner ins KZ werfen.

Kleinkriminelle Jungs waren sie vor den Jahren in Dachau und Mauthausen, zurück kommen Krutzler und Konsorten als „geschliffene Diamanten“: knallhart. Mit gnadenloser Brutalität machen sie sich die Szene im Nachkriegs-Wien untertan. Schmuggel, Prostitution, Geldfälschung, kriminelle Auftragsarbeiten – der Geschäftsbereich ist umfassend.

Ewige Treue haben sich Krutzler und seine Vasallen geschworen – alles Schall und Rauch. Affären, Liebschaften und Allianzen ändern sich, jeder ist sich doch selbst der Nächste. Krutzler richtet ein Blutbad unter Mitgliedern einer verfeindeten Bande an und wartet auf die Polizei.

David Schalko ist als Regisseur und Drehbuchautor von kultigen TV-Serien wie „Braunschlag“ oder „Altes Geld“ bekannt geworden – weit über die Unterwelt hinaus. „Schwere Knochen“ ist sein vierter Roman und mit Abstand der umfangreichste.

Sein Erzählstil setzt sich markant ab vom blutgetränkten Handlungsstrang. Krutzlers Laufbahn wird aus der Sicht eines Szene-Insiders geschildert: detailreich, trocken, zynisch, nüchtern, oder einfach nur en passant. So geht es eben zu in Spelunken und illegalen Bordellen. Was ist schon dabei?

Das Romanpersonal besteht samt und sonders aus Verbrechern. Dennoch vermittelt Schalko ein gewisses Maß an Sympathie für sie. Etwa bei der Schilderung des Hundertertricks. Mit diesem Täuschungsmanöver werden Gastwirte hineingelegt. Sie bezahlen die Zeche selbst, ohne es zu bemerken, und überreichen den Betrügern auch noch reichlich Wechselgeld aus der Kassa.

Schalkos Neuling liest sich trotz heftiger inhaltlicher Kost flüssig und leicht. Ein Sättigungseffekt stellt sich bisweilen aber ein. Es ist fast ein Zuviel an Details, beschrieben in den schrillsten Farben.

Sprachlich wird mitunter über das Ziel hinausgeschossen. Das Bemühen um eine originelle Ausdrucksweise generiert Stilblüten. Zu schreiben, dass „ein Schrecken vermutlich das Geringste war, mit dem man davonkam“, entspricht dem Niveau eines Wochenend-Workshops für Hobbyautoren.

An anderer Stelle heißt es: „Der krachende Knochen deckte sich ohne Verzögerung mit dem klirrenden Schrei.“ Hm. Wie das bloß funktionieren soll? Jedenfalls beschreibt es eine Szene, in der Krutzler jemandem den Arm bricht.

Aktuell arbeitet Schalko an der ORF-Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ nach Fritz Langs Vorlage. Weiterer Serienstoff drängt sich auf: „Schwere Knochen“ schreit geradezu nach Verfilmung.

Roman David Schalko: Schwere Knochen. Kiepenheuer & Witsch, 576 Seiten, 24,70 Euro. Lesung: David Schalko liest am Montag, 14.5., um 19.30 Uhr in der Wagner’schen in Innsbruck (Museumstraße 4) aus „Schwere Knochen“.