Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.06.2018


Literatur

Zerreißproben in der Komfortzone

Ergreifende Musik zu packenden Worten: Durs Grünbein und das Kammerorchester InnStrumenti sorgten für einen krönenden Abschluss des Innsbrucker „W:Orte“-Festivals.

© Wolfgang LacknerDer Dichter als Vortragender und Inspiration für neue Kompositionen: Der vielfach preisgekrönte Lyriker Durs Grünbein stand bei den klang_sprachen gleich in mehrfacher Funktion auf der Bühne.



Von Marianna Kastlunger

Innsbruck – Rein literaturgeschichtlich betrachtet ist die Verbindung von Text und Musik wohl eine der ursprünglichsten. So lieferte etwa die Lyrik der griechischen Antike den adäquaten Wortteppich für gesungene Lieder in Strophen und Reimen und ist nach wie vor gängige Praxis. Seltener, aber nicht minder reizvoll ist jedoch der Ansatz, das gesprochene Wort in freien Versen mit Musik zu verschränken. Oder gar als Themenvorgabe für neue Kompositionen zu verstehen.

Ebengenanntes wurde am Sonntagabend im Rahmen des Innsbrucker Lyrik-Festivals „W:Orte“ zur Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Dichtung. Dazu gehörte auch der Auftritt des experimentierfreudigen Tiroler Kammerorchester InnStrumenti im Rahmen des Formats klang-sprachen, das nach Barbara Hundegger und Raoul Schrott nun den deutschen Dichter Durs Grünbein auf die Bühne des ORF-Landesstudios bat. Der vielfach ausgezeichnete Grünbein zählt zu den bedeutendsten Lyrikern der Gegenwart. Sein Gedicht „Solo mit Pantomime“ und Extrakte aus seinem Text „Nach den Satiren“, die unter dem Titel „Der Riß durch den Tag“ zusammengefasst wurden, dienten als Vorlage für die interdisziplinäre Darbietung. Die Musik dazu stammt von Margarethe Herbert und Johannes Maria Staud in intensiver Zusammenarbeit mit dem Kammerorchester, das besonderen Fokus auf Neue Musik legt und Kompositionsaufträge vergibt. Herberts Werk ist einer davon.

Die Arbeit mit literarischen Stoffen ist für die gebürtige Traunsteinerin kein fremdes Terrain. Zuvor kooperierte sie bereits mit Elfriede Gerstl oder Bodo Hell. Für ihr „Solo for Pantomime Variations“, das am Sonntag uraufgeführt wurde, hat sie sich von Grünbeins Worten leiten lassen und die Musik dazu assoziativ auskomponiert. So entstanden zum im Gedicht thematisierten Dilemma „Was fiel dir ein, Ein ganzes Leben auf Worte zu bauen?“ musikalische Verbindungen zwischen strukturierten Passagen und tonaler sowie freier Improvisation. Als würde, passend zum Thema, die Musik dort weitermachen wollen, wo sich die sprachliche Kommunikation an Missverständnissen und Diskrepanzen zwischen Meinenden und Gemeinten abrackert – eine aufwühlende und dennoch spannende Herausforderung.

Völlig anders, aber ebenso ergreifend der zweite Teil des Abends: Grünbein las zunächst ohne Musik, dann wurde er zum Sprecher in Stauds erstmals in Tirol aufgeführtem „Der Riß durch den Tag“. Der Tiroler Komponist und Grünbein arbeiten seit Jahren zusammen. Das akribisch gebaute Stück vertont den inneren Monolog eines Erzählers, der durch eine Stadt geht. Er beobachtet Hundekämpfe, Kleinkinder mit bösem Blick und kriegsähnliche Szenarien. Es tauchen aber auch ahnungslose Kartenspieler und Heizkostenprognosen auf. Wie lange können Schuld und Unterdrückung aber verdrängt werden? „Das Unheil ist stumpf im Moment des Erscheinens“ weiß der Erzähler, während die Musik unter der Leitung eines handverletzten, aber hochkonzentrierten Gerhard Sammer die beklemmende Stimmung unterstreicht, ja verstärkt. Unheimliches, aber großes Kopfkino.