Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.06.2018


Literatur

Éric Vuillard: Die Historie im Heute

In seiner mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Erzählung „Die Tagesordnung“ komponiert Éric Vuillard die Vorgeschichte des „Anschlusses“ zur Abfolge eindrücklicher Mikromomentaufnahmen.

© AFPÉric Vuillard versteht sich auf die Kunst der Verdichtung.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der französische Schriftsteller Éric Vuillard widmet sich gewichtigen Themen: Er hat über die Kolonialkatastrophe im Kongo geschrieben („Kongo“, 2015), über den Ersten Weltkrieg („Die Ballade vom Abendland“, 2014) und über den Genozid an Amerikas Ureinwohnern samt der kommerziellen Ausschlachtung des Wildwest-Mythos („Traurigkeit der Erde“, 2017). Für seine jüngste Erzählung „Die Tagesordnung“ erhielt der 1968 in Lyon geborene studierte Historiker im Vorjahr den Prix Goncourt, Frankreichs bedeutendsten Literaturpreis.

„Die Tagesordnung“ handelt, reichlich verkürzt gesprochen, vom so genannten Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Vuillard verdichtet das, was vor ziemlich genau 80 Jahren in nicht endenwollendem Jubel auf dem Wiener Heldenplatz mündete, auf gut 120 Seiten. Schon allein das wäre eine verblüffende Leistung in Sachen Erzählökonomie. Noch verblüffender – und, zugegeben, reichlich schwer zu beschreiben – ist, dass Vuillard sein Verdichtungs-Kunststück, durch maximale Ausdehnung gelingt. In langen, unheimlich eleganten, von Exkursen und Einschüben durchsetzten Sätzen gestaltet er einzelne Szenen aus. Szenen, die es bestenfalls in die Fußnoten historischer Wälzer schaffen. Er zoomt ganz nah ran, springt zurück in eine Totale, blendet zurück, nimmt vorweg – und verliert doch nie den Faden. Kurzum: Vuillard packt die große Geschichte in eine lose Folge kleiner Episoden, zerteilt die Episoden in einzelne Momente – und jeden Moment in weitere Mikromomente. Ganz am Anfang etwa empfängt die gerade inthronisierte Nazi-Hautevolee um Adolf Hitler die Großindustriellen ihres werdenden Reiches und lässt sich von Gustav Krupp, Wilhelm von Opel und so weiter millionenschwere Zugeständnisse machen – die das Morden der kommenden Jahre erst ermöglichten.

Oder später – im längsten der 16 Kapitel des Textes – treffen Hitler und Österreichs diktatorischer Kanzlerdarsteller Kurt Schuschnigg zusammen: Hitler schüchtert Schuschnigg ein, ohne ihm zu drohen. Er weiß um Schuschniggs Angst vor dem Gesichtsverlust – und zieht ihn über den Tisch. Wobei Vuillard keinen Zweifel daran lässt, was von Schuschnigg zu halten ist, „denn Schuschnigg ist nichts. Er verkörpert nichts, er ist niemandes Freund und niemandes Hoffnung. (...) Wer acht Jahre zuvor eine paramilitärische katholische Jugendgruppe angeführt und auf der Leiche der Freiheit getanzt hat, kann nicht hoffen, dass sie ihm auf einmal zu Hilfe eilt!“

Natürlich: Solche Passagen sind vom Wissen des Nachgeborenen gespeist. Dieses Wissen macht Vuillards Verfahren aus: So holt er seine Historie ins Heute, gestaltet – ein ebenso fragwürdiges wie reizvolles Ansinnen – Parallelen aus. Dass der Grat zwischen Wissen und Besserwissen bisweilen schmal ist, zeigen allerdings einige besonders bemühte Witzchen, die man durchaus hätte weglassen können. Weniger mitreißend machen sie „Die Tagesordnung“ aber nicht. Vielmehr erhärtet sich gerade durch sie der Eindruck, dass man ein ganz gegenwärtiges Buch liest, das vor acht Jahrzehnten spielt.

Erzählung Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, 118 Seiten, 18,50 Euro.