Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.06.2018


Literatur

Präsident auf Abwegen: Bill Clinton als Thriller-Co-Autor

480 Seiten Kolportage: Bill Clinton hat gemeinsam mit dem Auflagenmillionär James Patterson einen Thriller geschrieben.

Bill Clinton war von 1993 bis 2001 der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

© GETTY/WongBill Clinton war von 1993 bis 2001 der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – James Patterson ist ein globaler Bestsellerautor. Mehrere hundert Millionen Exemplare seiner – zumeist ziemlich umfangreichen – Reißer hat er seit seinem Debüt „Die Toten aber wissen gar nichts“ (1976) verkauft.

Die Arbeit, seine Bücher selbst zu schreiben, tut sich Patterson, laut einer – zugegeben: nicht mehr ganz taufrischen – Ausgabe des Spiegels „der erfolgreichste Autor der Welt“, aber nicht mehr an. Inzwischen gestaltet ein Heer von Ko-Autoren und Ghostwritern die groben Skizzen des Auflagenmillionärs aus. Woran sich aber niemand stört: 150 Millionen Dollar soll Patterson für seinen aktuellen Verlagsdeal kassiert haben – insgesamt 17 Romane erwartet der US-Verlag Hachette dafür. Zum Vergleich: Hemingway hat zu Lebzeiten 17 Bücher veröffentlicht.

Auch Pattersons neuester Roman, „The President is Missing“, hat einen Ko-Autor. Dessen Name allerdings findet sich nicht irgendwo im Impressum. Er steht – noch über Patterson – auf dem Buchtitel: Bill Clinton.

Die Geschichte, warum ein Bestsellerautor und ein US-Präsident außer Dienst gemeinsame Sache machen, ist schnell erzählt: Clinton war Patterson-Leser, ein gemeinsamer Bekannter – natürlich: ein Anwalt – brachte sie zusammen. Danach spielten sie „Pingpong“: Patterson entwarf einen Plot, Clinton, der einst für seine Memoiren einen beinahe pattersonesken Vorschuss von zehn Millionen Dollar erhalten hat, ergänzte mit gemachten und erträumten Erfahrungen aus dem Polit-Business. Herausgekommen sind 480 Seiten Kolportage. Ein US-Präsident, sowohl sein Name – er heißt Jonathan Lincoln (!) Duncan – als auch sein Lebenslauf – er kam als Kriegsheld aus dem Irak zurück – weisen ihn als besonders aufrechten Charakter aus, wird von so ziemlich allen Seiten bedroht: Ein Sonderausschuss bastelt an seiner Amtsenthebung – und seine Vizepräsidentin zieht dabei die Fäden. Außerdem trauert er seiner Lebensliebe nach und müht sich mit einer recht rätselhaften Krankheit ab. Weil Duncan aber US-Präsident ist, muss dieses Leiden geheim bleiben. Stichwort: nationale Sicherheit. Um die ist es sowieso nicht gut bestellt.

Aber auch das muss geheim bleiben: Cyberterroristen haben das digitale Gegenstück zur Weltuntergangsmaschine in Gang gesetzt – und der einzige Programmierer, der das globale Black-out abwenden könnte, sitzt mit seinem Laptop im Fadenkreuz einer international tätigen und in moralischen Fragen flexiblen Auftragskillerin. Also muss der Präsident die Sache selbst in die Hand nehmen – und im Untergrund fürs Happy End kämpfen. Wen die Würde des Amtes zum Schweigen zwingt, der muss zur Tat schreiten. Das passiert ungefähr zur Halbzeit des Romans, dessen hysterischer Plot sich über drei ins gefühlt Unendliche zerdehnte Tage zieht. Davor führt Präsident Duncan vornehmlich erklärende Selbstgespräche.

Dann aber wird geschossen und das eine oder andere Requisit explodiert. Kein Wunder, dass die Filmrechte an „The President is Missing“ schon verkauft sind. Der Roman passt zu jenen Film- und Fernsehpräsidenten, die Hollywood so liebt. Und die wir durch Hollywood lieben gelernt haben. Präsidenten, die so ganz anders sind als jene, die derzeit in den USA und anderswo so gerne gewählt werden. Clooney könnte diesen Jonathan Lincoln Duncan spielen. Oder Hanks. Oder sonst wer. Hauptsache, dem Präsidentendarsteller gelingt es nach dem – überraschungsarmen – Showdown wortreich an uramerikanische Werte zu appellieren. Mit einer solchen Rede an die Nation, die natürlich immer auch eine Rede an die ganze Welt ist, meldet sich der abgängige Präsident denn auch zurück. Er beschwört Tugenden, verteufelt das Böse und träumt den Traum des anderen Amerikas. Man kennt solche Reden von Bill Clinton. Als Festredner hält er sie regelmäßig. Die Aufwandsentschädigung für neunzig Minuten eloquente Erbauung: eine halbe Million Dollar.

„The President is Missing“ gibt es für 23,70 Euro an jedem Bahnhofskiosk. Da sage noch einer, Bücher seien teuer.

Thriller Bill Clinton/James Patterson: The President is missing. Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer. Droemer Knaur, 480 Seiten, 23,70 Euro.