Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.06.2018


Literatur

Erkenntnisse aus dem Totenreich

In Robert Seethalers neuem Roman „Das Feld“ ziehen Dutzende Tote kühl-lakonische Lebensbilanz.

© imago stock&peopleDem österreichischen Autor Robert Seethaler wurde in dieser Woche für „Das Feld“ der Rheingau Literaturpreis zugesprochen. Die Auszeichnung ist mit 11.111 Euro und 111 Flaschen Rheingau Riesling dotiert.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Gelegentlich fühlt man sich zur Bestandsaufnahme des eigenen Tuns genötigt: Der Herausgeber, Chefredakteur und im Grunde einzige Mitarbeiter des Paulstädter Boten zum Beispiel strebte eines Tages den Vergleich mit den besonders Namhaften seiner Zunft an – und bestellt­e sich eine Ausgabe der New York Times ins Büro. Sein Fazit freilich fällt ziemlich unbeeindruckt aus: „Die Taten der Menschen“, sagt er sich, „bleiben dieselben. Was sich unterscheidet, ist bloß ihre Wirkung. Und auch das relativiert sich mit der Zeit“. Will heißen: Was in einem Moment unheimlich bedeutsam scheint, kann sich schon aus der Distanz weniger Wochen als Theaterdonner entpuppen. Eine derart unaufgeregte Sicht auf den Lauf der Welt kann eigentlich nur entwickeln, wer mit dem Hier und Jetzt bereits abgeschlossen hat. Und das ist beim umtriebigen Provinzreporter der Fall. Er ist tot und begraben, liegt auf jenem Feld, das Robert Seethalers neuem Roman den Namen gibt – und das dem kleinen Kaff Paulstadt als Friedhof dient.

Formal ist „Das Feld“ gewissermaßen eine konsequente Weiterentwicklung von Seethalers letztem Roman „Ein ganzes Leben“, der sich seit 2014 zum internationalen Bestseller entwickelte. 2016 war der 1966 in Wien geborene, als Schauspieler bekannt gewordene Autor dafür für den renommierten Booker Prize vorgeschlagen.

„Ein ganzes Leben“ erzählt in kargen, pickelharten Sätzen von Andreas Egger, einem um die Jahrhundertwende geborenen Hilfshirten, der jedem noch unbarmherzigen Schicksalsschlag eine bewundernswert genügsame Variante von Glück abtrotzt.

Nun, in „Das Feld“, sind es rund 30 Lebensläufe: Tote blicken auf ihre Leben zurück, erzählen – durchwegs in der Ich-Perspektive, aber im Wissen, worauf alles hinauslaufen wird – von kleinen Triumphen und großen Tragödien. Und vom Drunter und Drüber dazwischen.

Allerdings: Obwohl da 30 ganz verschiedene Menschen – vom Bürgermeister über einen geisteskranken Geistlichen bis zum Selbstmörder – zu Wort kommen, ist „Das Feld“ keine vielstimmige Erzählung, die sich zum Roman zusammensetzt. Der Ton bleibt letztlich derselbe. Das könnte man dem Text durchaus als kompositorische Schwäche auslegen. Oder man nimmt es als Indiz dafür, dass es Seethaler weniger um die einzelnen Geschichten geht, sondern um deren Allgemeingültigkeit.

So jedenfalls verhält es sich mit dem wohl ziemlich heruntergewirtschafteten – fiktiven – Ort Paulstadt: In jedem Kapitel – manche sind nur wenige Zeilen lang – finden sich neue topografische Details, Geschäfte und Gasthäuser kriegen ihre Geschichte. Ein echtes Profil allerdings erhält die Stadt dadurch nicht. Im Gegenteil: Dieses Paulstadt ist überall. An jedem Ort und zu jeder Zeit. Und ganz ähnlich verhält es sich auch mit den Geschichten der Paulstädter. Alle lassen sich zu Parabeln verdichten, die mit lakonischen Botschaften aufwarten, die sich zu einer großen Wahrheit verdichten: Jedes Leben ist eine planlose Folge zahlloser Nebensächlichkeiten. Diese Nebensächlichkeiten aber sind alles, was wir haben. Deshalb sind wir darum bemüht, ihnen einen Sinn zuzuschreiben. Das ist die Tragik und das große Glück des Menschseins. Und es ist der Ursprung allen Erzählens. Daran erinnert Robert Seethalers kühl-lakonischer Roman, mit einer Vehemenz, die anrührt.

Roman Robert Seethaler: Das Feld. Hanser Berlin, 240 Seiten, 22,70 Euro.