Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.07.2018


Literatur

Serhij Zhadans neuer Roman: Zwischen den Fronten

In Serhij Zhadans packendem Roman „Internat“ streift ein Lehrer durch die Ruinen des von der WM-trunkenen Öffentlichkeit vergessenen Kriegs in der Ostukraine.

© Valentin SprinchakDer Krieg zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten im ostukrainischen Donbass begann 2014. Ein Ende der Kampfhandlungen ist nicht in Sicht.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Osten der Ukrain­e, das Becken des Donez, ist Kriegsgebiet. Seit April 2014 kämpfen ukrainische Truppen und prorussische – und von Russland kräftig unterstützte – Separatisten um die Herrschaft über Städte, Dörfer und Weiler. Man hätte das beinahe vergessen. Gefühlt ist die Ostukraine weit weg. Weiter weg als das Moskauer Luschniki-Stadion jedenfalls. Dort, aber auch in Sotschi, St. Petersburg oder Rostow, einen Grenzzaun und keine drei Fahrtstunden von den Schlachtfeldern entfernt – und bei so ziemlich jeder staatstragenden TV-Anstalt weltweit wird dieser Tage König Fußball gehuldigt. Und damit dem ostukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan widersprochen. Der hatte vor WM-Start in der FAZ darauf beharrt, dass man „nicht so tun kann, als gebe es keinen Krieg, wenn es ihn gibt“. Offensichtlich kann man doch. Wirklich überraschen dürfte das auch Zhadan nicht.

Zhadan, Jahrgang 1974, zählt zu den wichtigsten ukrainischen Autoren seiner Generation. Er lebt in Charkiw, deren halbseidene Bohemiens und Bankrotteure er in seinem vorletzten Roman „Mesopotamien“ so zärtlich beschrieb, dass man selbst die ärgsten Schufte lieben lernte.

Nun hat Zhadan einen neuen Roman vorgelegt. Einen Roman, dem alles Zärtliche abgeht. „Internat“ ist ein Roman über den vergessenen Krieg an der ukrainisch-russischen Grenze. Und: „Internat“ räumt mit einem Mythos auf: Im Krieg gibt es keine Helden. Es gibt nur mehr oder weniger überforderte Verlierer. Pascha zum Beispiel – Zhadans Protagonist – ist in mehrfacher Hinsicht orientierungslos: Er ist mit Kurzsichtigkeit geschlagen – und politisch indifferent. Deshalb ließ ihn seine Freundin sitzen. Und seine Schüler, er unterrichtet Ukrainisch an einer mehrheitlich russischsprachigen Schule, respektieren ihn auch nicht. Auch Pascha spricht privat nur Russisch. Jetzt, wo der Krieg auch seine Stadt erreicht, soll er seinen Neffen abholen, den die Familie einst nach mehreren seltsamen Anfällen ins Internat geschickt hat. Also macht sich Pascha auf den Weg – hinau­s in ein Land, das sich verändert hat, in einen absurden Krieg, von dem er zwar wusste, dass er vor der Tür stattfindet, der ihm aber trotzdem egal war.

Serhij Zhadan, geboren 1974 in Luhansk, wurde mit „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ bekannt.
- imago stock&people

Formal erinnert „Internat“ an ein Filmskript: Pascha streift durch Ruinen – und Zhadan beschreibt, was ihn umgibt: Schüsse, Schrecken, Sterben. „Internat“ ist ein packender Text, gerade weil in seinem Zentrum eine Figur steht, die das, was sie umgibt, nicht einordnen oder verstehen kann. Und auch nicht will. Unvermittelt prasseln die Eindrücke auf ihn ein, nichts ergibt Sinn. Pascha agiert nicht, er reagiert bestenfalls. Er will sich rausreden, betäuben – und kann doch nicht weg. „Internat“ ist ein düsteres Buch – und in den drastischsten Momenten kippt es ins Absurd-Komische. Lachen mag man über diese zornige Odyssee eines Lehrers zwischen den Fronten freilich nie: Gerade das Groteske, daran lässt dieser fulminante Text keinen Zweifel, ist der Realität abgetrotzt.

Vom 14. bis 16. September ist Serhij Zhadan beim Haller Sprachsalz-Festival zu Gast. Bis dahin sind alle ach so weltbewegenden Fußballspiele abgepfiffen – und man muss nicht mehr so tun, als gebe es den Krieg nicht.

Roman Serhij Zhadan: Internat. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot. Suhrkamp, 301 Seiten, 22,70 Euro.