Letztes Update am Fr, 13.07.2018 21:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1936-2018

Die Mutter legendärer Figuren: Christine Nöstlinger ist tot

Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren verstorben. Die bedeutendste Kinderbuchautorin Österreichs wurde am Freitag beigesetzt. Auch abseits der Kinderliteratur war sie stets sozial engagiert.

© APAChristine Nöstlinger auf einem Foto vom Oktober 2016.



Wien – Österreichs erfolgreichste Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist tot. Die Mutter legendärer Figuren wie der „Feuerroten Friederike“ oder „Gretchen Sackmeier“ verstarb – wie erst am Freitag bekannt wurde – bereits am 28. Juni mit 81 Jahren in Wien. Die Beerdigung in ihrem Geburtsbezirk Hernals fand im engsten Familienkreis am heutigen Freitag statt, wie Nöstlingers Verlag Residenz mitteilt.

„Mit ihr hat Österreich eine seiner international bedeutendsten literarischen Stimmen verloren“, kondolierte Bundespräsident Alexander Van der Bellen noch am Abend via Aussendung: „Wer je eine Geschichte von Christine Nöstlinger gelesen oder vorgelesen bekommen hat, dem bleibt ihr sprachlicher Witz, ihr Humor in Erinnerung.“ Nöstlinger habe ein realistisches Bild des Zusammenlebens gezeichnet.

„Prägende Autorin“

Nöstlinger habe die Kinder- und Jugendliteratur revolutioniert, schreibt ihr Verlag, indem sie sich mit kindlichen Bedürfnissen auseinandersetzte und Autoritäts- und Emanzipationsfragen aufgriff, sich Außenseiterfiguren widmete und auch Eheprobleme der Eltern sowie Kinder in schwierigen sozialen Verhältnissen darstellte. „Sie wurde zur prägenden Autorin der realistischen Kinder- und Jugendbuchliteratur, die sich auch gesellschaftskritischen und politischen Aspekten widmete“, so der Residenz Verlag.

Dabei definierte sich die Autorin ungeachtet ihrer großen Erfolge am Buchmarkt für die nachwachsenden Leser stets als nicht „speziell kinderlieb“. Dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - wurde die am 13. Oktober 1936 als Tochter eines Uhrmachers und einer Kindergärtnerin geborene Wienerin zu einer Stimme für Selbstbewusstsein, die ihren jungen Lesern auf Augenhöhe begegnete, seit sie 1970 ihren Erstling „Die feuerrote Friederike“ veröffentlichte. Der Text war so erfolgreich, dass sie sich fortan dem Schreiben widmen konnte.

Am Ende zählte ihr Oeuvre über 100 Werke, wobei zu den prägende Kindertiteln „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1972), „Ein Mann für Mama“ (1972) oder „Anna und die Wut“ (1990) gehören. Nöstlinger beließ es nicht bei der Skizzierung einer heilen Kinderwelt, sondern reflektierte gesellschaftliche Zustände, kombinierte Milieuschilderungen mit Sozialkritik.

Von Drehbüchern bis zu Dialekt-Gedichtbänden

Dabei blieb ihr Werk nicht auf Kinderliteratur beschränkt. In ihrem autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg“ (1973) und dem Nachfolger „Zwei Wochen im Mai“ (1981) verarbeitete die selbst definierte „Buchstabenfabrik“ ihre Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit. Nöstlinger verfasste auch Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke und arbeitete für den Rundfunk und diverse Zeitungen und Magazine. Zu Nöstlingers bekanntesten Texten für Erwachsene zählen die Dialekt-Gedichtbände „Iba de gaunz oaman Kinda“ (1974), „Iba de gaunz oaman Fraun“ (1982) und „Iba de gaunz oaman Mauna“ (1987) - und ihr Kochbuch „Ein Hund kam in die Küche. Kleines Köchelverzeichnis für Männer“ (1996).

Entsprechend lang fiel die Liste der Ehrungen für die Erfolgsautorin aus. Vom Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur bis zum Astrid-Lindgren-Preis, den „Nobelpreis für Kinderliteratur“, reicht hier die Ehrengarde.

ORF ändert Programm zu Ehren Nöstlingers

In memoriam Christine Nöstlinger ändert der ORF sein Programm. Schon heute, Freitag, Abend widmet ORF III eine Spezialsendung „Kultur Heute“ der verstorbenen Kinderbuchautorin und bringt darin u.a. einen ausführlichen Nachruf. Am Sonntag (15. Juli) zeigt ORF eins „Die 3 Posträuber“ (9.50 Uhr) und „Villa Henriette“ (11.25 Uhr), um 20.15 Uhr läuft in ORF 2 die Verfilmung von „Maikäfer flieg“.

Den Nöstlinger-Schwerpunkt am Sonntag beschließt der „dok.film: Mein Hernals“ (22.10 Uhr, ORF 2) über den 17. Wiener Gemeindebezirk, wo Christine Nöstlinger ihre Jugend verbracht hat und wo sie jetzt auch beerdigt wurde. Der „kulturMontag“ am 16. Juli (22.25 Uhr, ORF 2) widmet der Autorin ebenso einen Beitrag wie „Thema“ (21.05 Uhr, ORF 2). (TT.com, APA)

Christine Nöstlinger: Die wichtigsten Werke

Die feuerrote Friederike 1970

Wir pfeifen auf den Gurkenkönig 1972

Maikäfer flieg! 1973

Iba de gaunz oaman Kinda 1974

Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse 1975

Rosa Riedl Schutzgespenst 1979

Gretchen Sackmeier 1981

Das Austauschkind 1982

Der Hund kommt! 1987

Gretchen, mein Mädchen 1988

Anna und die Wut 1990

Sowieso und überhaupt 1991

Susis geheimes Tagebuch/Pauls geheimes Tagebuch 1993

Iba de gaunz oaman Leit 1996

Pudding-Pauli rührt um 2009

Die Sache mit dem Gruselwusel 2009

Lumpenloretta 2010

Geschichten vom Franz - Serie ab 1984

Mini - Serie ab 1992

Dani Dachs - Serie ab 2001